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Gestalter der Horizontalen

Niklaus Fritschi hat Düsseldorfs Rheinfront wie kein Zweiter geprägt – ein Porträt 

Dass er einmal in Düsseldorf nicht nur ein paar Gebäude entwerfen, sondern der Landeshauptstadt... mehr

Dass er einmal in Düsseldorf nicht nur ein paar Gebäude entwerfen, sondern der Landeshauptstadt am Rhein gleich ein ganz anderes Gesicht verleihen würde – das hätte sich Niklaus Fritschi nie träumen lassen, auch wenn er bereits im Studium davon geträumt hat. Vom schweizerischen, eher industriell geprägten Ufer des Bodensees wurde der 73-jährige im Jahr 1969 vom Rhein in Düsseldorf angeschwemmt. Wie für viele seiner Landsleute wurde die Kunstakademie für ihn zur zweiten Heimat – und somit auch bald die Frage, wie man das Unvorstellbare vorstellbar machen kann: Schon im zweiten Semester brachte Fritschi eine städtebauliche Studie dazu, über die Trennung der Altstadt vom Rhein nachzudenken. Der Fluss war damals als Kloake der Chemieindustrie arg belastet und der Individual- und Schwerlastverkehr der B1 bildete eine nahezu unüberwindbare Barriere. „Mit jedem Gang über die Oberkasseler Brücke wurde mir klarer“, erzählt Fritschi, „dass die von der Mobilitätseuphorie der Nachkriegszeit dominierte Uferstraße am Rhein unbedingt verschwinden muss.“

Ruhiges Band und beunruhigte Bürger

Als knapp zwanzig Jahre später der Wettbewerb für eine Uferpromenade über dem projektierten Rheinufertunnel ausgelobt wird, gewinnen Fritschi und sein Atelierpartner Benedikt Stahl den Wettbewerb mit einem Entwurf, der dem Hang der Schweizer zur Reduktion alle Ehre machte: Ein langes Band, das sich an den Schnittstellen der Altstadtstraßen zu Plätzen aufweitet und – ganz regionaltypisch – von Platanenreihen flankiert wird. Gleichmäßig, ruhig, ohne Brimborium – lediglich das unter Einfluss portugiesischer Mosaikkunst entworfene Promenadenpflaster sollte etwas rheinische Beschwingtheit ans Ufer bringen. „Ansonsten war ja eigentlich alles schon da – der Rhein, die Stadt.“ Bis allerdings auch der Rat und die Stadtgesellschaft das so sahen, prasselte ein Leserbrief-Gewitter über die Architekten ein und auch Architektenverbände schleuderten mit ihren Blitzen. Ein geduldiger Stadtdirektor (Jörg Bickenbach), ein begeisterungsfähiger Tunnelbau-Ingenieur (Erich Waaser) und ausreichend Zeit fürs Finetuning („Niemand will das heute mehr einem Planer zugestehen.“) brachten das Projekt jedoch so voran, dass das Gewitter irgendwann abebbte – und besser noch: in einen Hagel nationaler und internationaler Auszeichnungen überging. Das schönste Lob vernahm Fritschi dabei aus der Nachbarstadt: Düsseldorf, so schrieb ein Kölner Architekturkritiker, habe mit der Rheinpromenade etwas geschaffen, was die Domstadt nie erreicht hätte – weg vom Klein-Klein, hin zum großen Wurf einer Seebad-Atmosphäre.

Die Hei-Kö-Mischung

Mit dem Apollotheater und dem Kunst im Tunnel (KIT) hat das Atelier Fritschi + Stahl auch zwei Kulturbauten an ungewöhnlichen Nicht-Orten hinzugefügt. Und doch kam man nie auch nur auf die Idee, das Büro an die Promenade zu verlegen. Niklaus Fritschi, dem die Schweizer Zurückhaltung nicht nur in den Worten anzumerken ist, führt sein Atelier in einem lilafarbenen Gebäudeblock an der Bergischen Landstraße in Gerresheim. „Haus am Verkehrslärm“ hat er es 2007 lakonisch getauft – damals wollte kein Entwickler das Grundstück verwerten; heute will kein Bewohner den Bau mehr verlassen – so angenehm sind die Wohnbedingungen dank einer vorgesetzten Schallschutzfassade. Das Haus gehört zu einem Quartier, das seine Bewohner mit einem Augenzwinkern schon mal als „Hei-Kö“ bezeichnen. Die Heinrich-Könn-Straße, die sich durch das Wohngebiet hindurch verästelt, verbindet geförderten Wohnungsbau mit Eigentumswohnungen, Einfamilienhäusern sowie Senioren- und Baugemeinschaften. Einige Häuser, die durch ihre intensive Farbgestaltung, aber auch durch individuelle Grundrisse über mehrere Etagen aus dem Mainstream herausfallen, wurden von Niklaus Fritschi entworfen. „Nicht alles in der Siedlung ist große Architektur, aber es ist einfach eine überzeugende Mischung, eine gelungene soziale Montage“, schwärmt Fritschi, der im Hei-Kö-Viertel arbeitet, wohnt und auch noch ein Kunstatelier unterhält.

In die Verlängerung

Maximal viergeschossig sind die Wohngebäude in der Hei-Kö. Dem vertikalen Wohnen im Hochhaus – auch in Düsseldorf immer mehr im Kommen – steht Fritschi dagegen skeptisch gegenüber: „Wohnqualität fängt nicht an der Wohnungstüre an – es geht darum, Nachbarschaften zu stiften. Wohnhochhäuser sind Kommunikationskiller – man wohnt nicht mehr in der Stadt, man lebt nur noch über ihr.“ Man merkt es – Fritschi denkt lieber erdgebunden und in der Horizontalen. Dass die Verlängerung der Rheinpromenade nach Norden auf die Agenda der städtischen Ampel-Koalition zurückgefunden hat, befürwortet der Architekt deshalb ausdrücklich. Allein das Verfahren findet er fragwürdig: „Man kann doch keinen Wettbewerb über ein längst bekanntes Projekt machen – das ist auch eine Frage des Urheberrechtes.“ Die Idee, die Rheinuferpromenade auf einer Überdeckelung der vorhandenen Parkplätze am Ufer vor dem Ehrenhof zu verlängern, haben Fritschi + Stahl bereits vor Jahren im Auftrag der städtischen Entwicklungstochter IDR geliefert und bis in Feinheiten mit Freitreppen und neuer Gastronomie der Öffentlichkeit präsentiert. Natürlich ließe sich da auch noch so manches ergänzen. Zum Beispiel den gerade heiß diskutierten Stadtstrand – warum nicht in Form eines Flussbades an den Rheinterrassen? Bereits in den 1920er-Jahren gab es solche schwimmenden Badeanstalten in Düsseldorf. Sogar an gleicher Stelle.

Sinn der Arbeit 

Auch wenn das Büro schon vieles entworfen hat – vom Stadtmuseum (dem allerersten realisierten Bauwerk) bis zur Tierarztpraxis und Projekten für kostengünstiges Wohnen – Fritschis großes, lebensbegleitendes Opus Magnum ist die Rheinpromenade. Selbst wenn die Vorzeichen heute wieder stimmen – niemand weiß genau, wann es dort weitergehen wird und welche Rolle Fritschi dabei spielen wird. Umso wichtiger ist für den Architekten, die Kontinuität des Büros aufrecht zu erhalten – auch über seine eigene Person hinaus. Vor einigen Jahren hat er deshalb die junge Architektin Anne Kristin Höing als Partnerin ins Boot geholt. Nein, man ist sich keinesfalls immer einig und setzt auch unterschiedliche Schwerpunkte in der Arbeit. „Was wir teilen, ist nicht unbedingt die Frage des Stils, sondern eher die Haltung zum Beruf: Was wollen wir?“, sagen beide sachlich. Ganz vorne steht für Fritschi, der zeitweise auch in Dänemark gearbeitet hat, dabei auch die gemeinschaftliche Arbeitskultur, das Miteinander im kleinen Acht-Mann-Atelier. Kaum besser auf den Punkt, bringt das eine Stellenanzeige, die er vor Wochen – ganz individuell, ganz Fritschi – einmal so formulierte: „Gesucht ist ein Mitstreiter mit einem ausgleichenden Wesen, der den Disput liebt, ohne partout Recht behalten zu wollen. Ein Pragmatiker und Träumer zugleich. Jede Stunde im Atelier ist zu wertvoll, um Missmut und Verstimmung zu pflegen – auch das tägliche gemeinsame Kochen und Essen im Büro gehören dazu.“

www.fritschi-stahl.de


Niklaus Fritschi

Geboren 1945 in St. Gallen. Bauzeichnerlehre in Rorschach. Nach kurzer Architekturpraxis, u. a. in Kopenhagen, 1968 Reisen ins revolutionäre Paris, durch Franco-Spanien und Italien. 1969-75 Architekturstudium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Diplomarbeit über die Arbeitersiedlung Eisenheim in Oberhausen bei Prof. Ernst Althoff. 1975-77 Freie Mitarbeit im Atelier von Hans Hollein. Seit 1984 unterhält Fritschi ein Atelier in Düsseldorf, 1992-2009 die Atelierpartnerschaft Fritschi – Stahl – Baum, seit 2011 Fritschi + Stahl. 1986-2010 Professur an der Peter Behrens School of Architecture. 2005 Berufung in den „Konvent der Baukultur“ des Bundes. Langjähriger Vorsitzender, seit 2015 Ehrenvorsitzender des Förderkreises Industriepfad Düsseldorf-Gerresheim.