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Pathos und Symmetrie

Glockenturm und Langemarckhalle auf dem Berliner Olympiagelände

Warum ist eine Gedenkhalle für gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs und ein alles... mehr
Warum ist eine Gedenkhalle für gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs und ein alles überragender Aussichtsturm mit Glockenstube wesentlicher Bestandteil des heutigen Olympiageländes, dem ehemaligen Reichssportfeld errichtet für die Olympischen Spiele 1936? Die Antwort erhält man beim Besuch des Glockenturms am Olympiastadion und der in seinem Unterbau befindlichen Langemarckhalle, benannt nach einer der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs bei Langemarck in Belgien im Herbst 1914. Nähert man sich dem Bauwerk von Westen, stellt sich zunächst ein Gefühl von einschüchternder Monumentalität ein, hervorgerufen durch den steinernen Vorhof mit den begrenzenden, bis zu dreigeschossigen, massiven Natursteinwänden und ihren grob behauenen, archaisch anmutenden Oberflächen.

„Werner March, der Architekt der gesamten Olympiabauten von 1936, griff hier bewusst auf die monumentale Architektursprache ägyptischer Totentempel zurück“, sagt Carsten Sauerbrei, Inhaber von architekTour B, einer Agentur für Architekturführungen, die Touren über das Gelände anbietet. Sauerbrei kennt das Areal wie seine Westentasche. Er erklärt: „Hitler ging es darum, den sportlichen Wettkampf 1936 mit der Erinnerung an den Krieg von 1914-1918 zu verbinden“. Diese politische Absicht, städtebaulich umgesetzt mit einer Sichtachse vom Stadion zum Glockenturm ist bis heute gut nachvollziehbar. Bewusst achteten die Planer von gmp darauf, dass beim Neubau des Stadiondaches 2004 die Öffnung des Stadions nach Westen nicht verstellt wird.

Volkwin Marg, mit seinem Team von gmp Architekten nicht nur für den Stadionumbau, sondern auch für den des Glockenturms 2005-2006 verantwortlich, beschrieb bei der Wiedereröffnung des Turms nach dem Umbau sein Konzept dementsprechend auch wie folgt: „Wir wollen ins Bewusstsein rücken, was lange verdrängt worden ist“. Diese Absicht einer zurückhaltenden Verdeutlichung des genius loci ist vor Ort gut zu erkennen. Selbst heute fällt es beim Besuch der doppelgeschossigen Gedenkhalle schwer, sich der feierlichen und zugleich bedrückenden Raumwirkung zu entziehen, die geprägt wird von den mit Regimentstafeln und patriotischen Sinnsprüchen bedeckten Wänden und dem (blut-)roten Natursteinfußboden. Einzig zurückhaltend angebrachte Erläuterungen und die großformatigen Glasscheiben, die als Schutz vor Wind und Regen hinter die Öffnungen der Pfeilerhalle gesetzt wurden, weisen auf den letzten Umbau hin. Die Planer von gmp ergänzten aber nicht nur die historische Langemarckhalle, sondern entwarfen auch einen verglasten Besucherempfang und zwei neue Ausstellungsbereiche unter den angrenzenden Maifeldtribünen. Dort setzten sie die stählernen, bis zu 15 m hohen Stützkonstruktionen mit gezielter Beleuchtung in Szene und kontrastierten diese mit einer dezidiert nüchternen, eleganten Ausstellungsarchitektur, bestehend u.a. aus Informationsstelen und Bänken aus Aluminium. Besucher können sich hier über die Geschichte des Geländes und über die politische Indienstnahme des Totengedenkens und der Olympischen Spiele im Nationalsozialismus informieren. Höhepunkt eines Besuches ist zweifellos die Fahrt mit dem gläsernen Aufzug bis zur Glockenstube und der Aufstieg auf die Aussichtsplattform in 75 m Höhe, von wo aus der Blick weit über das gesamte Gelände geht - zum Olympiapark, zur Waldbühne und zum Olympiastadion, zu denen ebenfalls Architekturführungen von architekTour B angeboten werden.

Architekturführungen in Berlin:
www.architektour-b.de
www.gmp.de
Fotos  gmp / Christian Gahl mehr

Fotos 

gmp / Christian Gahl