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Neue Leichtigkeit fürs alte Stadion

Im Gespräch mit dem Architekten Hubert Nienhoff, Büroleiter vom Architekturbüro gmp Berlin

CUBE: Man sieht in Berlin öfter Aufkleber mit der Aufschrift: „I love Tegel“, und es gibt eine... mehr

CUBE: Man sieht in Berlin öfter Aufkleber mit der Aufschrift: „I love Tegel“, und es gibt eine Bürgerinitiative, die Tegel als Airport erhalten möchte. Können Sie das nachvollziehen?

HUBERT NIENHOFF: Ich weiß nicht, ob es vernünftig wäre, Tegel offen zu halten. Aber nachvollziehen kann ich diese Stimmung schon. Für Berlin ist dieser Flughafen kein bloßes Funktionsbauwerk, sondern er steht für das, was dadurch in West-Berlin an Freiheit möglich war, er war das Tor zum Westen und zur Welt. In diesem Mythos Tegel stecken viele Emotionen. Mal abgesehen von den brillanten, bis heute gut funktionierenden Abläufen, dem „Flughafen der kurzen Wege“…

CUBE:Weshalb kann man Flughäfen heute nicht mehr so planen? Sind es die von den Betreibern gewünschten Shoppingbereiche, die die Wege lang machen?

H. NIENHOFF: Natürlich könnte man einen Flughafen wieder so planen, aber es gibt Vorgaben aus dem Businessplan, wie eben z.B. die den Gates vorgelagerten Shoppingbereiche. Dann gibt es, anders als damals, heute zentrale Sicherheitskontrollen. Und dieser Flaschenhals am Eingang zu den Terminals lässt sich recht gut mit Geschäftszonen kombinieren. Diese beiden Aspekte ändern das ganze Flughafenlayout. Am Flughafen Tegel dagegen gibt es einen Gate-Check-In: Sie steigen aus dem Taxi aus, gehen 30 Meter zum Schalter, bekommen Ihre Bordkarte und gehen sofort durch die Sicherheitskontrolle. Diese ist in Tegel also personalintensiver als die heutigen zentralen Sicherheitskontrollen.

Als Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg Tegel 1965 planten, lautete die Aufgabe: Baut einen Flughafen, der am Anfang fünf Millionen Passagiere pro Jahr bewältigen wird und später vielleicht einmal die doppelte Zahl. Dafür gab es eine Erweiterungsplanung, die aber nie gebaut worden ist. Heute bewältigt Tegel fast 15 Millionen Personen – ohne Ausbaustufe.

CUBE: Suchen Sie eigentlich Projekte früherer Jahre später wieder auf? Um zu sehen, wie ist das Gebäude gealtert, wie funktioniert es im Leben?

H. NIENHOFF: Ja, klar! Die Messe Leipzig habe ich seit ihrer Fertigstellung jedes Jahr besucht! Mittlerweile ist sie 17 Jahre alt. Ich gehe jedes Jahr zur Buchmesse. Das ist die quirligste aller Messen, da freut es mich, genau wie damals bei der Eröffnung 1996, so viele Menschen zu sehen, die diesen Ort bespielen. Das ist ja das, was dem Architekten Spaß macht: Wenn er sieht, dass das Gebäude, wie es gedacht war, tatsächlich von den Menschen angenommen wird, die Akzeptanz. Und die ist gerade bei der Buchmesse hervorragend. Da dient die zentrale Glashalle als öffentlicher Platz, wo man sich trifft und wo ein reges Treiben herrscht, wie auf einem Marktplatz – unsere Konzeption wird tatsächlich lebendig angenommen.

CUBE: Die Messe Leipzig ist für Sie ein besonderes Projekt?

H. NIENHOFF: Ja, eindeutig. Weil es mein erstes Projekt mit Volkwin Marg war. Ich habe während dieser Zeit alles, was ich vorher aus vielen anderen Quellen gesogen hatte, endlich im Zusammenhang verstanden.

Mit diesem Projekt bin ich von der ersten Strichskizze über das ganze Layout der Messe bis zur Baustellenbetreuung verantwortlich gewesen. Das Bearbeitungsteam, beginnend mit drei Mitarbeitern und zuletzt über 50, ist während der Bau- und Planungsphase extrem zusammengewachsen.
Damals sind viele Menschen zusammengekommen, die bis heute Freunde sind. Und wir haben während dieser Zeit auch Bauherren kennengelernt, mit denen wir ebenfalls bis heute befreundet sind und das trotz des ständigen Arbeitsdrucks. Das finde ich faszinierend. Das Zusammenwirken von architektonischem Ergebnis, den Prozess dahinter und das Zwischenmenschliche, das hebt dieses Projekt doch sehr hervor.

CUBE: In dieser Hinsicht ist die Messe Leipzig wohl das Gegenstück zum Flughafen BER. Wie erlebten Sie das BER-Debakel und Ihre Kündigung als Planer persönlich, als menschliche Erfahrung?

H. NIENHOFF: Das war eine Erfahrung, die bei mir einen tiefen Einschnitt hinterlässt, hinterlassen wird, hinterlassen hat. Und es hat mich letztlich daran erinnert, dass am Ende wichtig ist, mit welchen Menschen man zusammen ein gemeinsames Unternehmen startet. Das ist wie bei einer guten Segelcrew: Sie müssen gemeinsam Schönwetter segeln können, aber man muss vor allen Dingen auch bei Schlechtwetter zusammenhalten.

Das hat offenbar nicht so gut funktioniert, es sind einige über Bord gegangen.
Interessant ist ja tatsächlich, wie viele seitdem über Bord gegangen sind, oder sich aus der Verantwortung gestohlen haben, und auch, was für mich bei einer Segelcrew das oberste Gebot ist, die Verlässlichkeit – jeder erfüllt seine Aufgaben und übernimmt dafür die Verantwortung. Wenn es dann wirklich mal zu Schlechtwetter kommt und es ganz hart wird, geht es darum, besonnen und mit Vernunft zu handelt. Und offen gestanden scheinen mir diese Aspekte bei den Partnern, mit denen wir es hier zu tun hatten, abhandengekommen.

Wenn Sie als Planer Vorgaben bekommen und sie nach den Vorgaben handeln, und die andere Seite später leugnet, dass sie diese Vorgaben gegeben hat, finde ich das nicht fair, freundlich gesagt. Diese gespielte Empörung und Heuchelei, das hat mich wirklich getroffen – von Seiten der Leute, die uns begleitet haben, die immer mit uns in einem Team waren. Es ehrt uns ja als Architekten, wie viel Verantwortung man uns tatsächlich zutraute – aber das funktioniert so nicht, wir waren ja eingebunden in umfassende Abläufe, die auch von anderen mitgeprüft wurden.

Aber diese Malaise ist ja mittlerweile behoben, weil wir mit einem kompetenten und erfahrenen Pragmatiker, mit Hartmut Mehdorn, jetzt einen Partner haben, der sich wirklich um die Sache kümmert und sich nicht durch dramatisch inszenierte Schuldzuweisungen hervortut.

CUBE: Und der Imageschaden …?

H. NIENHOFF: Diese fristlose Kündigung wirkte auf die Öffentlichkeit wie ein Präjudiz: Die sind schuld! Dazu kommt mir ein Wort von Marc Aurel in den Sinn: Wer eine Ungerechtigkeit nicht verhindern kann, obwohl er die Mittel dazu hat, der befiehlt sie! Das waren sehr freundliche Worte, die hat uns ein Bundestagsabgeordneter geschrieben, der die Hintergründe besser kannte. Unter diesem starken Druck in die Gegenwehr zu gehen, hätte nur die Medien weiter an dem Fall interessiert und es hätte mit den Mitteln, die wir hatten, nie wirklich ein Stück Wahrheit dabei herauskommen können. Hier braucht es Zeit und sie wird in unserem Sinne wirken.

CUBE: Der Umbau des Olympiastadions für die Fußball-WM 2006 war Ihr erstes großes Projekt in Berlin. Hat Sie der Raum, die Monumentalität dieser Anlage fasziniert?

H. NIENHOFF: Ich kann Ihnen ein Erlebnis schildern, das war wirklich sehr bewegend. Wir hatten das Stadion im Rohbau fertig, das Dach war geschlossen und die Flutlichtanlage war installiert. Ich war eingeladen zu einer Probebeleuchtung im Stadion, es war Sommer, ich glaube, es sollte um 22 Uhr beginnen. Ich bin vom Büro aus etwas früher dort hin und habe mich noch eine Weile im Stadion umgesehen, und bin dann durch das Marathontor auf das Spielfeld gegangen; als ich dort war, haben sich die Techniker einen Spaß daraus gemacht, alle Register der Lichtanlage zu ziehen – ich war alleine auf dem Rasen, und in diesem Dämmerlicht wurde die ganze Stadionbeleuchtung hochgefahren und durchgespielt – das war ein tolles Erlebnis!

CUBE: Das Projekt war ein Meilenstein für Ihre Arbeit?

H. NIENHOFF: Ich habe durch das Olympiastadion enorm viel gelernt! Weil es ein Bauen im Bestand war, weil es ein historisches Gebäude unter Denkmalschutz und weil es historisch durch die Ereignisse, die dort stattgefunden haben, auch heikel war. Wir mussten uns also mit dem, was dem Ort anhaftete auseinandersetzen, der 36er Spiele und auch der Personalien, die damit verbunden waren, von Hitler über Leni Riefenstahl und so weiter. Mir lag daran, diese Vorgeschichte nicht zu ignorieren, dennoch aber dem Gebäude einen neuen Akzent zu geben – indem wir ihm etwas Leichtes, Heiteres, Strahlendes, Neues, Schwebendes hinzufügen. Das war das Dach. Und dieses Dach nicht nur deshalb, weil es eben diese Attribute hatte, sondern auch weil es ein Dach war, das innerhalb des Gesamtensembles stimmig ist.

Was den Bezug zur Umgebung angeht, da kommt dem offenen Marathontor eine Schlüsselrolle zu. Und dass es uns gelungen ist, ein Dach mit dieser extremen Spannweite zu konzipieren, das aber dennoch das Tor offen hält und damit den Bezug nach Außen bewahrt. Denn das Olympiastadion war nie ein nach außen abschließendes Stadion, es war immer offen. Diese Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen hat mich extrem fasziniert.

CUBE: Was hat Ihr Architekturverständnis geprägt?

H. NIENHOFF: Meine Orientierungen waren ganz vielfältig. Ich war ein lustvoller Probierer, ich habe alles einmal durchprobiert. Wenn es um architektonische Prägung geht: Ungers hat mich stark geprägt. Er war in meiner Studienzeit gerade aus Amerika zurückgekommen und hat sehr viel publiziert. An Ungers habe ich mich spielerisch erprobt, indem ich seine Geometrien nachgezeichnet habe, um seine Arbeit zu verstehen. Natürlich habe ich auch seine städtebaulichen Theorien studiert.

Gottfried Böhm war für mich jemand Unerreichbares. Er hatte in Aachen den Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung inne, und ich machte bei ihm Entwürfe. Ich habe ihn immer mal wieder nachgeahmt in seiner Zeichentechnik, Architekturdarstellungen mit Rötelstiften und mit 8B-Bleistiften und Kreide gezeichnet und dabei versucht, näher an seine Zeichentechnik heranzukommen. Formal habe ich mich immer wieder an Louis Kahn abgearbeitet. Ich habe versucht, ähnlich wie Louis Kahn aus starken, plastisch geformten Kuben im Spiel zwischen Transparenz, Masse und Struktur, für mich einen Formenkanon zu entwickeln.

CUBE: Die Faszination für die Architektur lässt Sie auch in der Freizeit nicht los …?

H. NIENHOFF: Immer wenn ich reise, bin ich neugierig auf die Städte und ihre Architektur und welche Rolle sie dort im Alltagsleben spielt. Damit einher geht die Faszination an Kulturlandschaften, ihre natürlichen und ihre vom Menschen geprägten Formen. Am wichtigsten ist mir der Blick von oben, Zusammenhänge zu erkennen, etwa wenn man über das Landesinnere von Afrika oder Südamerika fliegt. Mich interessieren Räume und das Wechselverhältnis zwischen Natur und Mensch. Wie harmoniert das miteinander? So etwas zieht mich auch im Urlaub sehr an. Ich reise in die Berge, wandere durch Teeplantagenterrassen – eine über Generationen vom Mensch geformte Kulturlandschaft.

Dieses Schauen, Beobachtungen von Mensch und Natur, das ist ein großes Faible von mir. Ich liebe die Schönheit und ich finde, aus der Vogelperspektive kann man sie besonders gut entdecken, auch in den kleinen Dingen, die sich aus der Luft oft nur erahnen lassen.

CUBE: Herr Nienhoff, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Frank Peter Jäger.


Hubert Nienhoff

Hubert Nienhoff ist Partner des Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp) und einer der beiden Leiter der Berliner Niederlassung. Er ist außerdem verantwortlicher Partner für die gmp-Dependancen in Frankfurt am Main, Moskau, Madrid und Rio de Janeiro. Das ursprünglich in Hamburg beheimatete Büro mit heute weltweit mehr als 500 Angestellten hat inzwischen zehn Dependancen in Europa, in China, in Brasilien und im mittleren Osten. Der Sohn eines Landwirtes aus dem Westfälischen studierte von 1978 - 1985 an der RWTH Aachen Architektur. Nach Stationen u.a bei Christoph Mäckler in Frankfurt am Main ist er seit 1988 für gmp tätig. Zu seinen wichtigsten Projekten zählen u.a. die Neue Messe in Leipzig, der Umbau des Berliner Olympiastadions für die Fußball-WM 2006, der Flughafen BER sowie Stadionbauten in Südafrika, Polen und zuletzt für die kommende Fußball-WM in Brasilien. Hubert Nienhoff ist verheiratet, Vater einer Tochter und lebt in Berlin.

www.gmp-architekten.de

Fotos Timmo Schreiber www.timmo-schreiber.de Marcus Bredt www.marcusbredt.de Fritz Busam... mehr

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