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Hoch hinaus? Das ist hier die Frage

Brauchen Berlin und München dringend Hochhäuser? – Pros & Cons von Matthias Sauerbruch

Hoch hinaus? Das ist hier die Frage
GSW Hauptverwaltung, Berlin
Hoch hinaus? Das ist hier die Frage
KFW Westarkade, Frankfurt
Hoch hinaus? Das ist hier die Frage
ADAC Zentrale, München
Hoch hinaus? Das ist hier die Frage
Hochhaus am Alexanderplatz, Berlin
CUBE: Sowohl in Berlin als auch in München gibt es eine neu entbrannte Hochhausdebatte. Wenn man... mehr
CUBE: Sowohl in Berlin als auch in München gibt es eine neu entbrannte Hochhausdebatte. Wenn man Hochhäuser als Merkmal einer modernen Stadt betrachtet, sind wir in Deutschland extrem rückständig. Woran liegt das?

Matthias Sauerbruch: Traditionell sind es erstmal die Kirchtürme, die über die Silhouette der Stadt hinausragen, dann vielleicht noch die Verteidigungsanlagen aus dem Mittelalter oder – wie etwa diese Geschlechtertürme in San Gimignano – Symbolbauten, um Macht zu demonstrieren. Eine Art von Wettrennen in die Höhe, wer hat mehr Macht, mehr Einfluss, da gibt es viele Beispiele. Wie am Potsdamer Platz, wo bei Renzo Piano, Hans Kollhoff und Helmut Jahn jeweils ein Geschoss den Unterschied ausmacht. Natürlich hat es stark mit der technologischen Entwicklung zu tun, die es überhaupt erst ermöglichte, hohe Häuser zu bauen. Es gibt eigentlich keinen Grund, weder in München noch in Berlin, Hochhäuser zu bauen. Wenn man die Frage stellt, was ein Hochhaus heute eigentlich in diesen Städten bieten kann, ist die Antwort, dass sie in allererster Linie stadtkompositorische Akzente setzen. In München wird noch darum gekämpft, Standorte zu definieren, und in Berlin diskutiert man über solche stadtkompositorischen Argumente.

Was wurde im neuen Berliner Hochhausleitbild festgelegt?

Es zeichnet sich dadurch aus, dass es keine Standorte festlegt, und das halte ich auch für eine kluge Entscheidung, denn es verhindert wilde Grundstücksspekulationen. Das Grundprinzip ist, dass jedes Projekt nach einem bestimmten Kriterienkatalog betrachtet werden soll. Dazu gehört, dass das Grundstück gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sein und auch eine gewisse Sinnhaftigkeit bezogen auf den städtischen Kontext vorhanden sein muss. Oder eben stadtkompositorische Aspekte, dass es an einer Stelle ganz besonders sinnvoll ist. Man könnte sich auch funktionale Aspekte vorstellen – das war in dem vorherigen Leitbild in München ein riesiges Thema: Infrastrukturknotenpunkte, vor allem die Umsteigebahnhöfe von S- und U-Bahn, als potenzielle Standpunkte auszuweisen. So ähnlich ist das in Berlin auch, aber es muss eben jedes Projekt für sich selbst entschieden werden. Und ich glaube, es ist zum ersten Mal in einem Hochhausleitbild verankert worden, dass Hochhäuser über 70 m mehrere Funktionen beherbergen müssen: Sie müssen im Erdgeschoss öffentliche Nutzung und auch in den oberen Etagen öffentliche Funktionen, also wohnen und arbeiten, anbieten. Das ist allerdings nicht ganz so einfach, weil die Erschließungssysteme normalerweise getrennt werden müssen. Aber ich finde das erstmal einen ziemlich guten Anfang.

Können Sie Beispiele nennen, die Sie für gelungen und vorbildlich halten?

Das ist schwierig. Ich spreche mal lieber von den eigenen Hochhäusern, was ich da gut oder vorbildlich finde. Wichtig ist Nachhaltigkeit und die Frage von Aufenthaltsqualität in Hochhäusern. Wir haben schon 1999 mit der GSW in Berlin eine Entwicklung vorangetrieben, bei der es um natürliche Belüftung von Hochhäusern geht. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn wenn man über die Höhe von 20 oder 25 m hinausgeht, herrschen ganz andere Windverhältnisse. Das GSW-Haus ist 80 m hoch. Wenn man trotzdem eine natürliche Belüftung erzielen möchte, muss man sich etwas überlegen. Das haben wir getan und später in Frankfurt beim KfW, das ist etwas über 70 m hoch, exemplifiziert. Dafür haben wir 2016 den Preis für das beste Hochhaus weltweit bekommen. Wir versuchten, die Haustechnik ganz weit runterzufahren, um eben natürliche Optionen, die zu einer besseren Aufenthaltsqualität führen, möglich zu machen. Ein anderes Thema, das ich auch interessant finde: Klassische Hochhäuser haben eine phallische Form und sind große markante Ausrufezeichen. Sie haben stadtkompositorisch vielleicht ihre Berechtigung – aber als Gebäude sind sie eigentlich ziemlich eintönig. Das ein bisschen aufzubrechen, haben wir mit dem ADAC-Gebäude in München versucht. Es ist stark farbig gestaltet und hat eine gepixelte Fassade. Abgesehen davon, dass es schön anzusehen ist, bringt das auch eine gewisse Vielheit zum Ausdruck. Es geht nicht um einen machtvollen Auftritt, denn der ADAC ist ein Verein, der aus vielen Individuen besteht. Diese Individualität der vielen Menschen haben wir versucht, in so einer Großform zum Ausdruck zu bringen. Wir versuchten, diese Großform aufzubrechen und ihr einen etwas menschlicheren Maßstab zu geben. Das finde ich eine interessante Richtung.

Wir arbeiten im Moment an dem Hochaus 1 hier am Alexanderplatz. Das ist ein relativ großes Projekt von ca. 120.000 m². Da haben wir es wirklich mit einer kleinen Stadt zu tun. Es gibt jede Menge verschiedener Wohnungen, Einzelhandel, Coworking Spaces, einen Gesellschaftsraum mit einem riesigen Dachgarten, Fitnessclub, Gastronomie. Die Multifunktionalität von Hochhäusern ist ebenfalls ein interessanter Aspekt. Fast 2.000 Menschen werden täglich da sein. Das bringt Lebendigkeit auch am Alexanderplatz, der ja nicht so richtig funktioniert, weil die soziale Kontrolle fehlt. Das wird sich stark ändern, da das Areal dann von Menschen, die dort leben, in Besitz genommen wird. Die Tiefbauarbeiten – es sind noch Archäologen auf dem Grundstück – werden in Kürze beginnen. Das Hochhaus wird 130 m hoch sein und wir rechnen etwa 2024 mit der Fertigstellung.

Hochhausbauten erfüllen nicht die Anforderungen an nachhaltiges Bauen. Wie steuern Sie dem bei Ihrem Gebäude entgegen?

Hochhäuser sind keine vorbildlich nachhaltigen Gebäude. Der Aufwand ist extrem hoch, weil die Konstruktion sehr viel Material verbraucht. Die Aufzugsanlagen und die ganze Infrastruktur brauchen sehr viel Energie. Positiv kann man bestenfalls argumentieren – und das ist nicht ganz irrelevant –, dass sie rein theoretisch Fläche freihalten, die man als Grünfläche erhalten kann und somit Gebäude mit relativ geringem Fußabdruck errichten kann und so zur Balance innerhalb der Stadt beiträgt. Bereits Standard ist, was wir im Augenblick gerade versuchen: Wir haben es fast immer mit Pfahlgründungen zu tun, die teilweise bis 50 m in die Erde ragen. Daraus machen wir Energiepfähle, d. h. wir verwenden die geothermische Energie, um zu heizen und zu kühlen. Das Neueste, was wir jetzt beim Alexanderplatz probieren, ist, dass wir die Süd-, West- und Ostfassaden mit Photovoltaikanlagen bestücken wollen,und damit die Häuser quasi in kleine Kraftwerke verwandeln. Die Photovoltaik entwickelt sich gerade massiv, die Ausnutzungsgrade werden immer besser. Im Augenblick liegen wir bei etwa 17 Prozent Ausnutzung und wir hoffen, dass wir bei 40 ankommen werden, bis wir das bauen. Und dann sind das richtige Kraftwerke, die ihre eigene Energie produzieren können.

Über den ökologischen Aspekt hinaus geht es ja auch um Ästhetik, Nutzungsvielfalt, Freiraumgestaltung, Dichte, Verschattung etc. Können und müssen Sie als entwerfender Architekt all diesen Anforderungen Rechnung tragen?

Definitiv ja. Deswegen sind Hochhäuser auch sehr anspruchsvolle Aufgaben. Im Hochhausleitbild in Berlin ist es wieder die Regel, dass Hochhausprojekte immer in das Baukollegium müssen, d. h. es gibt erhöhte architektonische Erwartungen und Ansprüche an den Bau. Das finde ich auch absolut wichtig, weil Hochhäuser so eine starke Auswirkung auf ihr Umfeld haben. Sie projizieren ja stark in die Stadt hinein, deshalb müssen höhere Maßstäbe angesetzt werden.

Wie sollte die städtebauliche Zukunft Berlins und Münchens im Hinblick auf das vertikale Bauen aussehen?

Man muss das im Gesamtzusammenhang sehen. Einzelne Verdichtungen an bestimmten Orten kann man sich gut vorstellen, etwa im Umfeld von Bahnhöfen wie gesagt. Am Alexanderplatz ist es absolut plausibel, ein Hochhaus-Cluster zu entwickeln. An anderen Stellen muss man sich das genauer angucken. Wie gesagt, es gibt in Berlin, ähnlich wie in München, keine wirklich zwingenden Gründe – aus meiner Sicht zumindest – Hochhäuser zu bauen. Das sind markante Landmarken in der Stadt und man muss sich gut überlegen, wo man die platziert. Das einzige, was noch in Frage käme, wären größere Stadterweiterungsflächen. Dort kann man sich eine extrem verdichtete Wohnbebauung vorstellen. Aber ich bin nicht unbedingt der Meinung, dass auf Teufel komm raus Hochhäuser gebaut werden müssen.

Noch ein kurzer Blick nach München, wo es etwas traditionsbewusster zugeht. Bei der Debatte „Hoch hinaus“, an der auch Sie kürzlich teilgenommen haben, wurde betont, das Stadtbild zu bewahren. Dennoch wurde eine neue Hochhausstudie in Auftrag gegeben, die den Spagat zwischen Bewahren und der Förderung von zeitgemäßem Bauen empfiehlt. Sind Hochhäuser inzwischen doch ein wichtiges städtebauliches Gestaltungsmittel?

Im Grunde genommen, ja – in München gibt es gerade zwei Projekte, die stark diskutiert werden. Das eine ist das kleine „profilüberragende Gebäude“ am neuen Hauptbahnhof. Unabhängig von dem einzelnen Entwurf, der aber sehr schön ist, finde ich das absolut angemessen. Wenn man einem Fremden zeigen kann, schauen Sie mal, da, wo das Hochhaus steht, ist der Bahnhof. Das ist für mich total plausibel. Bei dem anderen Projekt, bei den Doppeltürmen an der ehemaligen Paketposthalle, sehe ich das schon etwas differenzierter. Die sind natürlich deutlich höher. Da bin ich mir nicht sicher, ob das angemessen ist. Und diese Paketposthalle ist ja ein großartiges Gebäude, das umgenutzt werden soll als Konferenzzentrum wahrscheinlich – das ist noch sehr vage. Ich kann mir im Augenblick nicht vorstellen, dass der Ort so eine Bedeutung hat in der Stadt, dass man da unbedingt das höchste Haus hinstellen muss.

Es wird immer mit der Wohnraumnot argumentiert – aber warum kann man eine Stadt nicht einfach wegen Überfüllung schließen?

Da müsste man sich fragen, was dann passiert. Wenn die Leute auf das Umland ausweichen, ist das eine Katastrophe. Die Nachverdichtung von Städten ist im Prinzip eine gute Sache und Hochhäuser können da schon eine wichtige Rolle spielen, auch im Wohnungsbau. Es gibt da schon ein sinnvolles Argument dafür, in die Höhe zu gehen, um nicht zu viel Boden in Anspruch zu nehmen und trotzdem Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Das sind dann nicht unbedingt die preiswertesten Wohnungen, da muss man dann sehen, dass man kompensiert, sprich, einen Teil davon subventioniert und den dann für alle zur Verfügung stellt. Wohnungen in Hochhäusern sind ja eigentlich sehr populär geworden. Früher wollte keiner im Hochhaus leben, das hat sich definitiv geändert. Um die Wohnungsknappheit zu bekämpfen, im Verbund mit Verdichtung, ist das ein absolut adäquater Schritt. Wir können uns nicht endlos in die Natur ausbreiten. Insofern muss die Stadt schon innerhalb ihrer Flächen die Räume hergeben, die interessant, lebenswert, auch gesund und ökonomisch aktiv sind. Da spielt der Boden eben eine große Rolle. Der unberührte, unverbaute Boden hat einen hohen Stellenwert – und um solche Flächen zu erhalten und gleichzeitig auch zu verdichten, gibt es eben keine Alternative, als auch in die Höhe zu bauen.

Herr Sauerbruch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christina Haberlik.


Matthias Sauerbruch

Matthias Sauerbruch ist Architekt und Partner von Sauerbruch Hutton. Neben seiner Tätigkeit als praktizierender Architekt war er Professor an der TU Berlin, der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, an der Harvard Graduate School of Design und an der Universität der Künste Berlin. Sauerbruch ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen und gehört der Stadtgestaltungskommission München und dem Vorstand des KW Institute for Contemporary Art Berlin an. Er ist Honorary Fellow des American Institute of Architects und Direktor der Sektion Baukunst der Akademie der Künste, Berlin.

Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch gründeten 1989 ihr Büro Sauerbruch Hutton mit Sitz in Berlin. Das Büro ist international tätig und zählt zu den wichtigsten Vertretern des nachhaltigen Bauens. Seit 2020 wird die Verantwortung für das Büro von 19 Partnern und 10 Assoziieren geteilt.

(Erschienen in CUBE 01|21)