Statement für eine Bauwende
Das erste freitragende Lehmgebäude Deutschlands auf dem Campus St. Michael in Traunstein
Durch Lehm – ein wiederentdecktes Baumaterial – hat sich die Architektin Anna Heringer international einen Namen gemacht. Bekannt wurde sie durch ihre Lehmgebäude im „globalen Süden“, wie sie es ausdrückt. Bereits ihr erstes Gebäude, eine Schule in Bangladesch, wurde mit dem Aga-Kahn-Preis ausgezeichnet, weitere Preise folgten.
Nun hat die Architektin ihr erstes großes Bauwerk in Deutschland realisiert: Auf dem Campus St. Michael in Traunstein entstand das „Forum St. Michael“, das erste moderne Gebäude in Deutschland, das zum Teil volltragende Lehmwände mit vollflächiger Bewitterung besitzt. Es bildet das Herzstück der Neugestaltung und Erweiterung des Campus auf dem 44.000 m² großen Gelände von St. Michael, das zur Erzdiözese München und Freising gehört. Die Idee, den Lehm für den Bau direkt vor Ort zu stampfen, musste verworfen werden, da eine geeignete Halle fehlte. Stattdessen entstanden die vorgefertigten Bauteile in Vorarlberg beim Unternehmen Lehm Ton Erde Baukunst von Martin Rauch in Schlins. Dort wurden die ein Meter dicken Lehmplatten für das doppelgeschossige Gebäude hergestellt (Mischen, Stampfen, Trocknen, Transport). Das Fundament dieses Pilotprojekts (Bausumme 20 Millionen Euro) besteht aus Beton, während die Wände, Böden und Decken des unkonventionellen Baus aus dunkelbraunem Lehm gefertigt sind. Das Gebäude misst 70 mal 55 Meter. Die freitragende Decke ist ebenfalls aus Beton und kommt ganz ohne Stützen aus. Statisch lagert sie auf den breiten Lehmwänden, die die gesamte Dachlast in den Boden ableiten. Die Lehmwände mit ihren geglätteten Oberflächen wirken wie monolithische, druckfeste Scheiben. Das Forum dient als Bildungs-, Arbeits- und Begegnungsort für Menschen aller Altersgruppen: Seminare, Workshops, soziale Initiativen, Veranstaltungen, ein inklusives Café und Werkstätten finden hier Raum. Der über eine breite, steile Treppe erreichbare Dachgarten wurde von den Landschaftsarchitekten Die Grille und Mühlbacher & Hilse angelegt und bietet eine öffentlich zugängliche Dachlandschaft mit Aufenthaltsbereichen, Bänken, Wegen und einem Pavillon für wechselnde Kunstausstellungen. Neben dem Lehmbau verantwortet Anna Heringer auch die architektonische Gesamtkonzeption des Campus („Campus for Sustainability“). Ebenfalls nach ihren Plänen wurde ein Internatsgebäude in Holzbauweise errichtet. Das Herzstück, der Lehmbau, ist ein Manifest für nachhaltige Architektur und ein Plädoyer dafür, dass traditionelle Materialien auch heute wieder eine zentrale Rolle spielen können. Er steht für ökologische Verantwortung, soziale Offenheit und kulturelle Vielfalt – und ist ein Statement für eine Bauwende. Lehm ist regional verfügbar, recycelbar, benötigt keine energieintensive Herstellung und schafft ein ausgezeichnetes Raumklima.
Fotos:
Kurt Hoerbst
www.hoerbst.com
(Erschienen in CUBE München 02|26)