Metamorphose der Akropolis
Aus der früheren Bundesbahndirektion in Wuppertal wird ein offenes Stadthaus
Das Gebäude der ehemaligen Bundesbahndirektion gilt als einer der größten repräsentativen Verwaltungsbauten der Gründerzeit in Wuppertal-Elberfeld. 1871 bis 1875 als dreiachsiger Mittelbau mit ionischer Säulenordnung und einer rustizierten Rundbogen-Vorhalle errichtet, thront es in erhöhter Topografie oberhalb der Wupper. Im Lauf der Jahre wurde es mehrfach zu einem großzügigen Komplex erweitert – 1908, 1914 und zuletzt 1940. Zusammen mit dem ebenfalls klassizistisch gestalteten Bahnhofsgebäude und dem Vorplatz vermittelt der palazzoartige Bau bis heute das vollendete Bild einer Akropolis der preußischen Verwaltung im Rheinland.
Nach dem schleichenden Ende des Direktionsbetriebes in den 1970er-Jahren, verschiedenen Zwischennutzungen und schließlich 14 Jahren Leerstand haben ksg architekten und stadtplaner das denkmalgeschützte Bauwerk im Auftrag der Clees Unternehmensgruppe zu einem Stadthaus transformiert und revitalisiert. Heute wird es von der Stadt Wuppertal, dem Jobcenter und der Bergischen Universität genutzt. Der Entwurf fußt im Wesentlichen auf einer geschickten Verdichtung der vorhandenen Bausubstanz und einer Aufwertung der historischen Besonderheiten des klassizistischen Baudenkmals. Dabei wird die massive gemauerte Gebäudekonstruktion vollständig erhalten. Zudem werden im Inneren die beiden Innenhöfe in die Nutzung als öffentliches Gebäude einbezogen, indem sie im Erdgeschoss mit einer eingestellten Holzkonstruktion überdacht werden. Das nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs bis 1949 deutlich niedriger wiederaufgebaute Staffelgeschoss wurde in seiner Geschosshöhe angehoben. Die Gestaltung entwickelt sich dabei aus der Tektonik der Fassade heraus. Auf dem Querriegel, der die beiden Innenhöfe teilt, wurde ein neues Walmdach aus Zink gesetzt, wodurch das Volumen dieses Gebäudeteils wie aus einem Guss erscheint und nicht wie bisher durch ein abgesetztes Staffelgeschoss geteilt wird. Gestalterisch wertvolle Bestandselemente werden dazu im Inneren, Spolien gleich, architektonisch inszeniert und denkmalpflegerisch aufgearbeitet. Auch die historischen, zuvor vollständig abgehängten Kappen-Tonnengewölbe in den Gängen wurden wieder freigelegt und auf ihre ursprüngliche Erscheinung zurückgeführt.
Die farbig gestalteten historischen Treppenhäuser wurden in ihrer Farbpalette dem bauzeitlichen Zustand wieder angenähert und bilden damit einen kontrastreichen Gegenpol zu der neuen, materialsichtig belassenen, unbehandelten Holzkonstruktion der Innenhöfe. Das Freilegen und Aufeinandertreffen der verschiedenen Zeitschichten erfolgt pragmatisch aus der neuen Funktion des Gebäudes heraus: Die Interventionen begleiten die komplette inhaltliche Neuausrichtung des Gebäudes von einem hierarchisch organisierten, repräsentativen Direktionsgebäude hin zu einem offenen, barrierefreien Stadthaus mit einer bürgernah orientierten Verwaltung. Die rund 1.000 Mitarbeitenden der Stadtverwaltung, des Jobcenters und des Instituts für Bildungsforschung der Bergischen Universität erhielten vielfältig programmierte Büroflächen – von klassischen Einzelbüros bis hin zu offenen, flexiblen Service-Zonen mit hellen Aufenthalts- und Wartebereichen.
Fotos:
Schnepp Renou
www.schnepp-renou.com
(Erschienen in CUBE Düsseldorf 02|26)