Ein neues Wir-Gefühl
Ein Verlag in Herne erprobt auf einer Loft-Etage eines Industrie-Altbaus neue Arbeitswelten
Seit fast 80 Jahren besteht der nwb Verlag in Herne – ein über das Ruhrgebiet weit hinaus bekannter Fachverlag für Steuerrecht, Rechnungswesen und Wirtschaft. 1947 als „Verlag Neue Wirtschaftsbriefe“ gegründet, unterhält das Familienunternehmen seinen Stammsitz seit Jahrzehnten in einer ehemaligen Ölmühle aus dem 19. Jahrhundert. Um neue Arbeitsprozesse auch räumlich abzubilden, hat das Kölner Büro Lepel & Lepel eine komplette Etage des Altbaus zu einer neuen zukünftigen Arbeitswelt weiterentwickelt. Das Ergebnis ist eine selbstbewusste Synthese aus Alt und Neu.
Durch die langjährige Büronutzung hat das fünfgeschossige Backsteingebäude mit charakteristischen Rundbogenfenstern seine ursprüngliche offene Raumstruktur verloren. Die dritte Etage des Gebäudes war zudem kleinteilig in einzelne Bürozellen unterteilt. Die Neukonzeption der Bürofläche bricht diese Struktur zugunsten einer zeitgemäßen, flexiblen Bürolandschaft auf: Vor allem durch den Rückbau aller Einbauten bis auf die konstruktive Grundstruktur konnte der ursprüngliche Loftcharakter des Gebäudes wiederhergestellt und neu interpretiert werden. Die dabei entstandene offene Struktur ermöglicht vielfältige Arbeitssettings – kommunikative Teamzonen, flexible Projektbereiche und geschützte Rückzugsorte. Präzise eingefügte, dunkel gerahmte Glaswände fördern die Transparenz und den Austausch zwischen den Bereichen. Konzentriertes Arbeiten wird durch eine Reihe von differenzierten Raumangeboten unterstützt. Die neue Arbeitsumgebung passt sich flexibel an Prozesse und Rituale an und stärkt das Wir-Gefühl. Die besondere Qualität des Projektes liegt dabei im Dialog zwischen Tradition und Innovation: Freigelegte Bauteile, sichtbare Konstruktionen und authentische Materialien erzählen von der Geschichte des Ortes. Präzise gesetzte, moderne Elemente ergänzen den Bestand sensibel und unterstreichen den klaren Loft-Charakter der Büroetage. Alt und Neu treten nicht zueinander in Konkurrenz, sondern bilden eine selbstbewusste Einheit. Eine zentrale Rolle spielte bei Konzeption und Ausführung aber auch das Thema Nachhaltigkeit: So sichern der behutsame Umgang mit dem Bestand und dessen Weiterentwicklung eine nachhaltige, langfristige Nutzbarkeit. Natürliche Materialien wie Holzfaser bei den Akustikdecken oder Seekiefer-Oberflächen für die Einbauten sind besonders ressourcenschonend und können nach Ende des Lebenszyklus weiterverwertet werden. Die realisierte Musteretage dient als Test- und Lernraum: Schrittweise auf das gesamte Gebäude übertragen, wird perspektivisch der gesamte Verlag ein zukunftsfähiges und identitätsstiftendes Arbeitsumfeld erhalten.
Fotos:
Annika Feuss
www.annikafeuss.com
(Erschienen in CUBE Ruhrgebiet 02|26)