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The Chairman

Martin Mostböck zeigt auf 400 Quadratmetern sein weitläufiges Oeuvre von Design bis Architektur.

Der Architekt und Designer Martin Mostböck entwirft Möbel, Häuser, Geschäftseinrichtungen, Interieurs, Dinge des Alltags und ist ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen. Der Sessel stellt für ihn eine ganz besondere Herausforderung dar, denn auch für ihn ist der Entwurf eines Sessels eine Königsdisziplin, oder wie es der Architekt Frank Gehry einmal ausdrückte: Einen Sessel zu entwerfen sei so schwierig, wie den Mount Everest zu besteigen. Manche sprechen gar vom Olymp des Designs. Mostböck ist ein guter Bergsteiger und egal, ob es sich um die Arbeit an einem Sitzmöbel oder an einem Champagnerkühler handelt, er entsagt oberflächlichem Styling, geht den Dingen mit seinen Entwürfen auf den Grund. Er forscht, sucht und findet das Authentische. Seine Herangehensweise vergleicht er gerne mit jener eines Konstrukteurs, der Ideen aufspürt, die er für andere Menschen nicht nur sichtbar, sondern auch fühlbar und nachvollziehbar machen will.

In der Ausstellung „The Chairman“ zeigt Mostböck nun in der Landesgalerie Burgenland in Eisenstadt viele Entwürfe aus mehreren Jahrzehnten seines Schaffens. Dabei sind Sessel, Möbel, Häuser und Interieurs zu sehen, die im Spannungsfeld zwischen Kunst- und Serienprodukt aufgespannt sind. Präsentiert werden unter anderem seine ausgezeichneten Museumstücke, darunter Objekte aus dem Museum of Arts and Design in New York, dem Design Museum Holon in Tel-Aviv oder dem Museum für angewandte Kunst in Wien. Aber auch Kleinserien und Serienprodukte von Einzelstücken bis hin zur Großserien von 60.000 Stück sind in der spannenden Schau zu sehen. Auf diese Art wird es auch möglich, der weiten Welt zwischen Experiment, Handwerk, Industrie und nachhaltigem Design nachzuspüren.

Immer wieder betont der ursprünglich aus dem Burgenland stammende Wiener auch die Bedeutung der persönlichen Beziehung zu den Produzenten seiner Stücke, vom Handwerker bis zum Auftraggeber in der Chefetage. Ebenso stellt Mostböck den regionalen und nachhaltigen Aspekt seiner Arbeit in den Vordergrund. Im Falle seines bekannten Flaxx Chair, der von Moroso verlegt wird, stand zu Beginn lediglich die Idee, einen vierbeinigen Freischwinger zu entwerfen. Eine Ducati-Rennmaschine inspirierte den leidenschaftlichen Motorradfahrer zur Verbindung der Stuhlbeine. Die zusammengeschweißten Beine des Möbels hat er der Hinterradschwinge dieses Motorrads abgeschaut und in seine Funktions- und Formensprache verwandelt. 

Keinesfalls fehlen darf auch der von Braun Lockenhaus produzierte, äußerst elegante und mit gefinkelten Details versehene, zeitlose Stuhl, den Mostböck für das Restaurant des Spitzenkochs Konstantin Filippou entwarf. Heraus kam ein Möbel mit Ecken und Kanten, gleichzeitig aber auch mit eleganten Rundungen, eine Hommage an die Wiener Moderne ebenso wie an die reduzierte Formensprache Japans.

 Doch die Ausstellung in Eisenstadt, wo Mostböck zur Schule gegangen und aufgewachsen ist, geht noch einen besonders interessanten Schritt weiter. Sie zeigt, wie bedeutend die Zusammenhänge zwischen einzelnen Produzenten von Möbelherstellern über Lederproduzenten bis hin zu Metallverarbeitern und Institutionen wie Museen und Hochschulen, aber auch Forstbetrieben oder Gastronomen verstrickt sind und in den Designprozess einfließen. Mostböck unternimmt den gelungenen Versuch, diese spannenden unsichtbaren Verbindungen sichtbar zu machen. 

Doch damit längst nicht genug, Martin Mostböck arbeitet disziplintechnisch zeitversetzt im Sinne der alten italienischen Meister der Moderne, die wie er immer Designer UND Architekten waren. Und umgekehrt. Diese Arbeitsphilosophie, die weitgehend abhanden gekommen zu sein scheint, ermöglich nicht nur dem Entwerfer, sondern auch den Betrachtern Zusammenhänge zu erkennen zwischen dem Drinnen und Draußen, dem Kleinen und Großen, dem Erleb- und Fühlbaren. In Sachen Architektur zeigt die Schau unter anderem seine wunderbare Architektur „Room with a View“ auf einem Hügel, die auch in den Hills von Hollywood bella figura machen würde. Das 120 Quadratmeter große Holzhaus im burgenländischen Forchtenstein macht spätestens auf den zweiten Blick sichtbar, dass es Mostböck in seiner Arbeit um den Einklang von vielen Faktoren geht. Design zum Fühlen, Architektur zum Leben. Bestand in der Umgebung.

 Das machen unter anderem auch seine „Living Garden Apartments“ in der Seestadt Aspern sichtbar, einem der größten europäischen Stadtentwicklungsgebiete. In der Schau darf freilich auch sein „Haus für einen Winzer“ nicht fehlen, mit dem er auf profunde Weise zeigt, wie man Bestehendes optimieren kann und gleichzeitig der Zeit entsprechende Räume mit Gültigkeit schafft. Gültigkeit und Neues, auch Überraschendes schuf der Gestalter ebenso mit seinen Interieurs, zum Beispiel im Top Restaurant „o Boufés“ des internationalen Spitzenkochs Konstantin Filippou oder mit dem fast futuristisch anmutenden Inneren des „Thurner Fashion Concept Store“ in der Fußgängerzone von Eisenstadt. Hier trifft ein Materialmix von Marmor, Sperrholz auf Aluminium, umrahmt von fließenden und doch gefinkelt strukturierten Raumansichten.

Mostböck mischt Erfahrung, Ästhetik mit Zeitgemäßem, ohne das gestalterische Erbe vieler Stile zu ignorieren. Sein Zugang scheint entspannt, lebensnah und doch auf das Projekt fokussiert, egal, ob es sich dabei um den Entwurf eines Champagner-Kühlers aus Marmor oder das Erscheinungsbild von Gebäuden oder die Erlebenswelten von Interieur handelt. Mostböck schaut, denkt und übersetzt. 

Präsentiert werden die mannigfaltigen Ideen, Skizzen, Pläne, Fotos und Objekte in sieben circa drei Meter hohen Boxen, kleinen Architekturen, in welche die Besucherinnen und Besucher über eine Art Gucklöcher Zutritt finden. Über sie hat man die Möglichkeit, in die gestalterischen Wunderkammern Mostböcks zu gelangen und so manches Geheimnis kreativer Entwurfsarbeit zu entdecken. 

www.landesgalerie-burgenland.at


Landesgalerie Burgenland Eisenstadt

31. März – 11. Juni 2023
Di – Fr 09.00 – 17.00 Uhr
Sa, So 10.00 – 17.00 Uhr