Nachhaltig & zeitgemäss
Residential construction bridges the old and the new, balancing economic viability with compelling design.
Das Rüsselsheimer Quartier Hessenring ist kein Neubaukomplex im klassischen Sinn. Zwischen Bestandsbäumen entfaltet sich ein Ensemble, das den Geist der 1960er-Jahre mit ursprünglich 72 Wohnungen respektiert und es zugleich um 52 weitere Wohnungen erweitert. FFM-Architekten. Tovar + Tovar zeigen hier, wie die Verbindung von Alt und Neu gelingen kann, und von außen ist sofort ersichtlich, was neu ist: Aufstockungen und Neubauten treten selbstbewusst, aber nicht dominierend in Erscheinung. Die vertikal profilierte, vorvergraute Holzverschalung bildet einen warmen Kontrast zu den hell verputzten Bestandsbauten und deren weißen Metallbalkonen. Holz als nachwachsender Rohstoff steht hier nicht nur für Klimaschutz, sondern auch für die Lesbarkeit des Quartiers: Alt und Neu bleiben unterscheidbar, fügen sich jedoch zu einem harmonischen Ganzen. Weiße Stahlstege, farblich codierte Treppen, Briefkästen und Spielgeräte schaffen Orientierung und Identität.
Die größte Herausforderung lag im Weiterbauen bei laufendem Betrieb. Um Lärm und Bauzeit zu minimieren, reagierten die Architekten mit einem hohen Vorfertigungsgrad der Holzbauten und einer durchdachten Aufteilung in zwei Bauabschnitte. So konnten die Bewohner:innen innerhalb des Quartiers umziehen. Gleichzeitig lösten die Architekten eine komplexe Aufgabe elegant: Statt klobiger Aufzugstürme verbinden Neubauten mit integrierten Aufzugsschächten die Bestandsgebäude über Stege und Außentreppen. So profitieren alle Wohnungen von Barrierefreiheit – alt wie neu. Beim Betreten der Anlage öffnet sich ein Wohnquartier im „Park“. Aktivierte Freiräume mit Spiel- und Aufenthaltsbereichen, Mietergärten und schattigen Plätzen unter erhaltenen Bäumen fördern Begegnung und ein angenehmes Mikroklima. Extensiv begrünte Dächer stärken die Biodiversität, ohne den Charakter der Anlage zu überformen. Diese Haltung setzt sich auch innen fort: Schlanke, hoch wärmedämmende Holzaußenwände ermöglichen kompakte Grundrisse, sichtbar belassene Holzkonstruktionen schaffen Atmosphäre und Behaglichkeit.
Auch energetisch wurde die Wohnanlage aufgerüstet: Photovoltaik, Luft-Wasser-Wärmepumpen und gedämmte Bestandsfassaden ermöglichen eine Energieeffizienzklasse A, mit 75 Prozent weniger Energieverbrauch und 69 Prozent weniger CO₂-Emissionen im Vergleich zum vorherigen Bestand. Der Bauherr freut sich über ein Projekt mit Modellcharakter: „Uns als Bauherrin versetzt der Gesamtentwurf in die Lage, neuen Wohnraum in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu schaffen und zugleich für das Quartier eine attraktive Gestaltung zu erreichen mit nun nachhaltigen, zeitgemäßen Materialien“, so Thomas Steininger, Prokurist und Leiter der Technischen Abteilung Bau der Gewobau Rüsselsheim.
Fotos:
Arno Rothacker
(Published in CUBE Frankfurt 01|26)