Neu nach Strich und Faden
Industriedenkmal transformiert zum Gewerbe- und Bürostandort
Der Wedding wuchs seit Beginn der Industrialisierung zu einem der größten Arbeiterquartiere Berlins heran. Noch heute sind zahlreiche Spuren erhalten, wie etwa die typischen Industriebauten aus Klinker. Sie zeugen von diesem Kapitel der Bezirksgeschichte. Eines dieser Gebäude ist die denkmalgeschützte Wäschefabrik in der Gerichtstraße 27. Sie ist eines der frühen Gebäude, die größtenteils aus Eisenbeton errichtet wurde. Die Fabrik befindet sich im Innenbereich eines Blocks zwischen Pankstraße, Ringbahn-Gleisen und der Gerichtstraße und ist nur über eine schmale Zufahrt erreichbar. Das Objekt entstand zwischen 1910 und 1912. Die Wäschefabrik wurde im Krieg schwer beschädigt und erfuhr bis zur jetzigen, umfassenden Vitalisierung durch das Bauunternehmen Dyckerhoff & Widmann verschiedene Nutzungen und Umbauten. Eine der Modernisierungen fand in den 1980er-Jahren statt: Unter anderem erhielten die verbliebenen Gebäude einen Dachausbau samt Gauben.
Erst in den letzten Jahren, von 2019 bis 2025 erfolgten durch die neue Planung der Architekten Bollinger + Fehlig im Auftrag des Investors Westbrook Partners eine umfassende Modernisierung, energetische Ertüchtigung und Wiederherstellung der Kubatur. Die ursprüngliche Dreiecksform war zwar trotz der Kriegszerstörung erhalten geblieben, jedoch fehlten an zwei Stellen einige Stockwerke, die nun komplettiert wurden. Parallel zu den Gleisen der Ringbahn verläuft die Hauptfassade und mündet mit seinen beiden Seitenflügeln in einem Quergebäude, das den Auftakt des Ensembles bildet.
Es gelang den Architekten, ein altes Industriegebäude in ein modernes, loftartiges Bürohaus zu verwandeln, das durch seine Flexibilität allen Ansprüchen an moderne Arbeitswelten gerecht wird. Die Arbeitsflächen sind variabel und können in insgesamt 16 abgeschlossene Mieteinheiten unterteilt werden. Nach der Transformation von der Industrieanlage zum Gewerbe- und Bürostandort umfassen die Mietflächen circa 15.000 m² auf sechs Stockwerken. Je nach Bedarf lassen sich Kombi- oder Zellenbüros realisieren. Zudem gibt es Coworking Spaces, Besprechungsräume und Coffee-Bars. Besonders hervorzuheben sind die Reminiszenzen an die Vergangenheit: Angedeutete Stiche, Falten und weitere Zitate der Nähkunst prägen die gestalterischen Ergänzungen. Neu ist eine Pergola auf der Dachterrasse. Sie bildet die Kubatur des ursprünglichen Walmdaches nach. Ein Atelier im bahnseitigen Hof besetzt die Position eines ehemaligen Garagenbaus. Der zuvor vollständig versiegelte Innenhof wurde rückgebaut und dient den Beschäftigten nun als begrünter Aufenthaltsort mit Stauden, Bäumen sowie Sitzgelegenheiten. Der Um- und Neubau der Architekten fand große Beachtung in der Fachwelt.
Photography:
Marcus Ebener
www.marcus-ebener.de
(Published in CUBE Berlin 01|26)