Wiedergeburt einer Legende
Runderneuert, vergrößert und mit neuem Namen lockt das einstige Eierhäuschen Gäste an
Das Ausflugslokal mit dem kuriosen Namen „Eierhäuschen“ fand sogar schon Einzug in die Weltliteratur: Theodor Fontane schreibt in seinem letzten Roman „Der Stechlin“: „Das Ziel unsrer Reise hat einen ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ‚Eierhäuschen‘. Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird.“ Die tatsächliche Optik des Ortes widerspricht der ovalen Form. Zur Namensgebung wird gemutmaßt, dass der Wächter des ursprünglichen Floßwärterhäuschens auch Eier verkauft habe. Auf historischen Postkarten ist zu sehen, wie beliebt das Lokal war: Tische und Stühle standen dicht beinander bis ans Spreeufer mit Anlegestelle für Ausflugsdampfer, die nun wiederhergestellt wurde.
Mit der ursprünglichen Schifferkneipe hat das heutige Gebäude des Architekten Karl Frobenius, das zwischen 1890 und 1892 entstand, allerdings nichts mehr zu tun. Zu Zeiten der DDR hatte das Lokal noch einen Ruf als beliebtes Ausflugsziel an der Spree mit dem benachbarten Vergnügungspark Spielpark. Nach dessen Pleite wurde der Ort mehr und mehr vernachlässigt und vergessen und verkam zusehends. Ein regelrechter „lost place“, von Bäumen und Sträuchern überwuchert, vom Vandalismus gezeichnet, wurde hier vom Land Berlin, in dessen Besitz sich das Anwesen wieder befindet, ab 2017 aus dem Dornröschenschlaf wiedererweckt. Nach umfangreicher vierjähriger Sanierung und Renovierung durch das Architekturbüro Detlev Höing-Langguth – dhl Architekten – konnte das Lokal 2024 als Speiselokal plus Biergarten und Kunstort mit wechselnden Ausstellungen als Teil des „Spreepark Art Space“ wiedereröffnet werden. Die Wiederherstellung umfasste die Gesamtsanierung des Ensembles, die Ergänzung durch einen Neubau sowie die General- und Objektplanung durch alle Leistungsphasen. Der 2.300 m² große Frobenius-Bau wurde denkmalgerecht instand gesetzt: Der markante hohe und spitze Turm ist wieder weithin sichtbar und der holzverzierte Giebel des zweigeschossigen Hauptgebäudes erstrahlt in neuem Glanz. Bei Alt- und Neubau handelt es sich um Ziegelverblendbauten aus rotem Backstein. Die klassische Backsteinoptik mit verschiedenen Ziegelformaten, Farben und Ornamenten wurde sorgfältig restauriert. Die Fassade des Bestandsgebäudes erhielt ihre ursprünglichen, schwarz glasierten Steinlagen als strukturierendes Element zurück. Neu ist ein auf der Westseite angefügter Gebäudetrakt von 900 m² mit Küchenbereich, durch eine Glasbrücke mit dem Bestandsgebäude verbunden. Im südlichen Teil des Bestands befindet sich an alter Stelle ein saalartiger Gastraum mit vorgelagerter Terrasse und – derzeit noch nicht üppig – begrünter Biergarten bis hin zur Spree. Die neuen Betreiber nennen die Gaststätte nun „EI-12437-B“.
Für die Innenarchitektur wurde das Berliner Büro Wiewiorra Studio gewonnen. Ein zentral platzierter goldener Tresen dominiert den Raum. Das übrige Mobiliar ist eher minimalistisch und pragmatisch gehalten. Die Farbgebung der Wände orientiert sich am originalgetreu vorgefundenen Dunkelrot. Der Innenraum fasst 70 Gäste, in der warmen Jahreszeit finden zusätzlich 250 Gäste im Biergarten Platz.
Ebenfalls auf der Erdgeschossebene befinden sich Büroräume, die Ausstellungsfläche sowie als weiteres Highlight ein Tanz- und Veranstaltungssaal. Im Obergeschoss wurden vier Wohnungen für Kunststipendiaten plus ein Gemeinschaftsraum im Dach geschaffen. Im Februar 2024 konnte das Eierhäuschen wiedereröffnet werden. Nebenan schreitet gegenwärtig der Umbau einer großen ehemaligen Lagerhalle voran, die künftig als kultureller Veranstaltungsort genutzt werden soll.
Fotos:
dhl Architekten
(Erschienen in CUBE Berlin 03|25)

