Wachgeküsst
Zeitlose Eleganz und gestalterische Liebe treffen in einem historischen Haus in Essen aufeinander
Als Eva Wiechert zum ersten Mal vor dem Haus stand, das 1911 von der damaligen Stern-Brauerei in Essen-Leithe errichtet worden war, verbarg es sich hinter 17 Tannen, die um das Gebäude in die Höhe ragten. Die Künstlerin und Sammlerin spürte jedoch sofort, dass es sich um ein besonderes historisches Gebäude handelte, das nur darauf wartete, wachgeküsst zu werden.
2017 erwarb sie die Doppelhaushälfte mit 220 m² Wohnfläche, ließ die Tannen fällen und begann mit tatkräftiger Unterstützung und eigener Hand, das Haus unter Wahrung der zeitlosen Eleganz seiner Architektur von Grund auf zu sanieren und technisch auf einen zeitgemäßen Standard zu bringen. Das undichte Dach wurde instandgesetzt, der Dachboden ausgebaut, Fenster nach historischem Vorbild neu angefertigt. Die in der Küche noch verortete Badewanne entfernte man und die dortigen Fliesen, die der neuen Fußbodenheizung weichen mussten, fanden im Weinkeller eine neue Verwendung. Die Arbeiten muteten zuweilen wie eine Schatzsuche an, die sich über Monate und Jahre hinzog: Immer wieder traten überraschende Details zutage, die unter Schichten wenig überzeugender „Schönheitsmaßnahmen“ ehemaliger Voreigentümer verborgen waren. Stuckelemente mit Ornamenten an den hohen Decken, geschwungene Türzargen und ein Glaselement mit Sprossenfenstern über der Tür zum Badezimmer kamen wieder zum Vorschein, wurden aufgearbeitet und teilweise ergänzt. Auch die alten Heizkörper auf Füßchen fügen sich als stimmige Details ein. „Ich bin sicher, dass dieses Haus mich gefunden hat und nicht umgekehrt“, erzählt Eva Wiechert. Profitieren konnten sicherlich beide Seiten: Das Haus gewann viel von seinem einstigen Charme zurück und Eva Wiechert konnte ihre gestalterische Handschrift subtil in jeden Raum einfließen lassen. Acht Räume, das Dachgeschoss und einen Keller mit Sauna galt es zu gestalten. Wobei schon der Eingangsbereich Freude macht: Die originale Haustür wurde mit größtmöglichem Respekt vor dem historischen Vorbild auf den neuesten Sicherheitsstandard gebracht, ein Windfang mit Pendeltür und Bleischeiben führt in einen lichtdurchfluteten Flur mit breiter, geschwungener Eichentreppe. Die Holzvertäfelungen erstrahlen in Weiß, eine Wand im Bad wurde in markanter Betonoptik gestaltet, jeder Raum erhielt eine andere Farbwelt. In der Küche sorgt eine Kochinsel aus Granit für Aufmerksamkeit, während im Wohnzimmer ein Kamin aus gegossenem Beton eingebaut wurde. Überall begegnet man Kunstwerken der Interiordesignerin – selbstgemalten Bildern und handgefertigten Skulpturen, die den Räumen eine unverwechselbare Note verleihen. Und ein Blick in den schönen Garten offenbart, dass die Liebe zum Detail nicht nur drinnen, sondern auch draußen gelebt wird.
Fotos:
Eva Wiechert
(Erschienen in CUBE Ruhrgebiet 04|25)