Der Sonne entgegen
Wie auf einem Problemgrundstück eine behütende Insel für Kinder entsteht
Die Überwindung zahlreicher Widrigkeiten verwandelt ein Problemgrundstück in einen guten Ort für eine Kita. Erst im Mai dieses Jahres nahm der Kindergarten seinen Betrieb auf und füllt sich seither mit Leben. Die Kindertagesstätte wurde nach ihrem Standort benannt und heißt nun schlicht „Kindergarten Gudrunstraße“.
Für einen nichtoffenen städtischen Realisierungswettbewerb waren 30 Büros ausgewählt. Die Berliner Architekten Ludloff Ludloff erzielten 2019 den Platz 1 für dieses Projekt. Die Jury überzeugte die Verbindung von pädagogischem Raumkonzept mit nachhaltiger Bauweise und städtebaulicher Einbindung. Unter Letzteres lässt sich u. a. auch die Bewältigung des schwierigen Grundstücks fassen: Es handelte sich um eine fast dreieckige Grasrestfläche zwischen Zeilen von Wohnblocks im Norden und Westen sowie der Schnellbahntrasse im Süden, auf der im Minutentakt S-Bahnen und Fernzüge verkehren. Klingt nicht nach einer idealen Lage für eine Kita.
Aus der Not eine Tugend zu machen, gelingt den Architekten auf überzeugende Weise. Das Grundstück weist eine Dreiecksform auf und läuft gen Osten spitz zu. Der Entwurf sah vor, die Gebäude des Kindergartens an der breiten Westseite und Südseite am Grundstücksrand so anzuordnen, dass die Sonnenstrahlen von Osten den ganzen Vormittag über auf die nahezu vollständig verglaste Innenseite des Gebäudes treffen. Der Spielhof wird ergänzt durch einen öffentlichen Kinderspielplatz an der Spitze des Grundstücks. Straßenseitig präsentiert sich die Gebäudefront als Lochfassade aus edel anmutenden Lärchenholzleisten geschlossener. Die nächste Besonderheit – aus Nachhaltigkeitsgründen die bedeutsamste – ist die Konstruktion des Hauses aus CNC-vorgefertigten Holzteilen, die auf der Baustelle metallfrei rasch montiert werden konnten. Die einzelnen Komponenten sind verzapft mit Scherzapfen- oder Schwalbenschwanzverbindungen. Rundholzstützen übernehmen größere Spannweiten mittels Zapfenverbindungen, verbunden mit Hartholzdübeln. Die gesamte Holzkonstruktion ist auf Zirkularität angelegt. Im Idealfall können die Bauteile sortenrein wiederverwendet werden.
Im Gebäudeinnern herrscht Farbenfreude: Unterschiedliche kräftige Farbtöne dienen der Orientierung und sind den jeweiligen Gruppen zugeordnet, bestehend aus einem großen und einem kleinen Gruppenraum und einem Schlafraum. Die Außenanlagen wurden von gmo13 Landschaftsarchitekten mit vielfältigen Spiel- und Bewegungsangeboten kindgerecht und naturnah gestaltet. Die gesamte Kindergartenanlage ist eine veritable Oase – wie eine Insel inmitten der Großstadt. Das doppelgeschossige Kitagebäude bietet nun Platz für 185 Kinder in 13 Gruppen.
Fotos:
Jan Bitter
www.janbitter.de
(Erschienen in CUBE Berlin 04|25)