The singing architects

Mehr bauend als singend: Graft – eine Erfolgsgeschichte

CUBE: Das Mauerthema scheint Sie im Griff zu haben – erst bei der Architekturbiennale 2018 und nun mit dem Wohnprojekt Charlie Living.

Thomas Willemeit: Die Zimmerstraße ist eine der wenigen Stellen, wo die Mauer mitten durch die barocke Altstadt ragte, und unser Grundstück war eben eins, das direkt auf dem Mauerstreifen lag. Ich glaube, dieses Erbe eines gebrochenen oder aufgerissenen Stadtkörpers war einer der Ausgangspunkte für den Entwurf. Der zweite Ausgangspunkt ist eine ganz wichtige Diskussion, die wir heute führen: Das Verhältnis von Stadt und Land, vielleicht auch ein Überwinden dieser ein bisschen ideologischen Grabenkämpfe zwischen Traufhöhen-Block-Raster oder den Gartenstädten der 1920er-Jahren. Wir sind als Büro mit dem Namen Graft – grafting, pfropfen, verbinden – angetreten, um das Beste aus allen Welten zu kombinieren. Das ist hier gelungen, weil einerseits das Blockraster und Schließen dieser barocken Struktur wieder gelungen ist, andererseits aber auch das ganze Gelände öffentlich zugänglich ist und wie aufgebrochen erscheint.

Ebenfalls brandneu ist das Projekt Bricks in Schöneberg.

Lars Krückeberg: Das ist vielleicht das komplexeste Projekt, das wir in den letzten Jahren gemacht haben, weil es um eine denkmalgeschützte Substanz ging. Es ist entstanden zwischen 1905 und 1920. Und das bekommen Sie jetzt als Architekt und dürfen das Volumen nochmal verdoppeln – also eine faszinierende Aufgabe! Den Bestand haben wir renoviert und umgebaut, vor allem zu Bürozwecken, aber auch für etwas Gastronomie sowie private Hochschulen. Dazu kamen dann die Neubauten und da konnten wir dann Wohnungen bauen.

Graft versucht, jeweils mehrere Komponenten in ihren Gebäuden zu verwirklichen – ein avantgardistisches Äußeres und die Fragen nach sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten mit zu berücksichtigen. Wie schafft man das?

Wolfram Putz: Man muss wohl ein Tausendsassa sein, ein Generalist – sich für sehr viele Dinge interessieren, das ist vielleicht auch das, was das Büro immer sehr gut konnte. Da wir in der Inhaberstruktur immer eine Gruppe waren und viele Einflüsse da sind, gibt es eben immer sehr viele Interessen. Wir machen ja zum Teil auch Grundlagenforschung und Forschungsprojekte.

Nicht zu vergessen „pursuit of happiness“, das Motto stand auch programmatisch am Anfang – und es ist auch ein besonderer Glücksfall, dass Sie sich als Kollegen zusammengefunden haben.

Krückeberg: Ja, das sehen wir noch immer genauso. Die Partnerschaft wurde vielleicht ein wenig dadurch getriggert, dass wir im Studium in einem extrem auf individuellen Wettbewerb angelegten universitären Kontext ausgebildet wurden, also als Wettbewerbsarchitekten. Das war die Braunschweiger Schule. In diesem Kontext des sehr starken Wettbewerbs, auch der Studenten untereinander, haben wir einen Chor gegründet und zusammen Jazz gemacht.

Also keine Legende, sondern wirklich wahr …

Putz: Über Jahre – das kann man beweisen: Den deutschen Chorwettbewerb für Jazz, der alle vier Jahre stattfindet, haben wir fast gewonnen. Wir sind deutscher Vizemeister. Wir wollten das zwar nie beruflich machen, aber wir waren alle ziemlich intensiv mit dabei. Wir machen den Chor immer noch, es sind auch noch einige von den Damaligen dabei.

Graft ist stets am Zahn der Zeit, Sie spüren Trends auf …

Willemeit: Wir haben jahrelang einen Trendreport für das Zukunftsinstitut geschrieben mit einer Auswahl der fünf aktuell wichtigen und die Branche betreffenden Themen: Gesundheit, die plötzlich im Wohnen eine Rolle spielt; Mobilität – fahren wir individuell oder öffentlich und wie bestimmt das eigentlich unser Konsumverhalten; Tourismus – wo geht das eigentlich hin; Retail – die Zukunft des Einzelhandels – hier haben wir sehr früh vorausgesagt, wie sehr viele andere natürlich auch, dass der Einzelhandel und die Innenstädte sich radikal verändern werden; Social Responsibility, also globale Warenketten transparent machen. Das sind ganz viele spannende Themen, die am Ende des Tages beim Architekten auch ankommen. Wir machen aber, wie gesagt, auch wirklich wissenschaftliche Forschung.

Schalten Sie Wissenschaftler dazu?

Willemeit: Ja, wir haben schon mehrere Forschungsaufträge bearbeitet. Erst kürzlich für die Charité, was für wirklich viel Furore gesorgt hat und wofür wir eine Förderung vom Wirtschaftsministerium bekommen haben. In der Forschung ging es um die Auswirkung der Architektur auf die Gesundheit. Hierfür gab es prototypische Intensivzimmer, zwei Zimmer mit jeweils zwei Betten, und es wurde wahrscheinlich weltweit zum ersten Mal der Versuch gestartet, wirklich einmal zu messen, inwieweit die Architekturatmosphäre gesundheitliche Auswirkungen hat. D. h. Sie sind in der Intensivstation, landen in diesem oder einem konventionellen Zimmer – und dann misst man, wie viel Schmerzmittel benötigt der Patient, wie ist die Rückfallquote, treten bestimmte Nebenphänomene nach Operationen auf? Das ist eines der großen Forschungsthemen in der Medizin. Und dafür liefern wir die Architektur, um evident und messbar zu beweisen, dass ein Raum besser ist als der andere. Das interessiert uns sehr.

Es gab auch immer wieder soziale Projekte – neben „Make it right“ in New Orleans auch die „Solarkioske“. Werben Sie Sponsoren ein oder ist das ein eigenes soziales Engagement?

Krückeberg: Bei den Solarkiosken ging es tatsächlich um eine ganze Serie von Investoren, die das Projekt unterstützt und finanziert haben. Der erste Kiosk war ein Forschungsprojekt, u. a. von der Mittelstandsförderung mitfinanziert. Solarpaneele und Batterien sind natürlich weniger langlebig, wenn sie dauerhaft bei 40 Grad Hitze laufen. Wir haben versucht, ein Low-Tec Kühlungsszenario zu entwickeln, um durch Luftströme in den Kiosken die Temperatur wenigstens ein bisschen runterzukühlen. Daraus haben wir dann erstmal die Architektur entwickeln können und dann hat sich ein strategischer Investor bereit erklärt, 15 Kioske zu finanzieren, die wir prototypisch in Kenia und Äthiopien aufstellten. Mittlerweile stehen 200 Kioske in Tansania, Ruanda, Kenia, Botswana und Äthiopien.

Das funktioniert? Da bauen sich die Leute vor Ort eine richtige kleine Existenz auf?

Putz: Mehr oder minder, also wirtschaftlich ist das keine Supererfolgsstory, da geht es auch um ganz andere Dinge: Es ist nicht nur wichtig, dass die Kioske erfolgreich sind, sondern auch, dass durch die Energieversorgung drumherum Wirtschaftsaktivität getriggert wird, weil Elektrizität da ist und jemand vielleicht mit einem Kabel und einem Rasierapparat einen Haarschneidesalon aufmacht oder eine Kaffeebude. Wir waren der Meinung, dass man durch so eine kleine Intervention Produktkreisläufe in Gang setzen kann und man in Dorfstrukturen Entwicklungen anschieben kann. Genau das ist passiert – an vielen Stellen hat sich um diese Solarkioske eine Marktplatzsituation entwickelt. 

Das sind Ausnahmen – aber wie kommt die Architektur wieder zurück zu ihrer eigentlichen Bedeutung, Lebensräume zu schaffen?

Willemeit: Die Architektur ist ein Werkzeug für das Leben, das ist eigentlich das Zentrale. Ich mache mit Architektur etwas, das irgendeinem Vorgang oder einem gemeinschaftlichen Ritual dienen oder unterstützen soll. Dafür muss ich das Ritual genau kennen oder eine gute humanistische Vorstellung davon haben. Es geht definitiv nicht darum, ein Produkt zu schaffen, das dann fotografiert werden kann. Das ist eine Ebene, aber das ist nicht der Treiber von Architektur. Architektur lassen wir los wie Kinder, die irgendwann in die Welt gehen und ihr eigenes Leben haben. Das, was da stattfindet, muss einfach eine Schönheit in sich entfalten, nicht nur das Haus.

Der Erfolg Ihres Büros ist ja wirklich sensationell. Es sind jetzt 22 Jahre seit der Gründung vergangen. Überschauen Sie noch, wie viele Bauten Sie schon realisiert haben?

Willemeit: Wir zählen das noch – jedes Projekt bekommt eine Nummer – und wir sind jetzt bei 780 oder so. Ich habe es nie genau gecheckt, aber vielleicht ein Drittel oder die Hälfte davon sind gebaut worden. Also mindestens 300 Bauten werden es schon sein.

Wie kann man sich diese enorme Erfolgsgeschichte erklären – durch Ihren allumfassenden Ansatz? Oder was denken Sie?

Putz: Was wir lieben, ist, die Dinge sehr positiv und freudvoll zu sehen. Wir haben uns immer gefragt, warum unsere Kollegen und wir zum Teil auch, schwarze Rollkragenpullover tragen und sich so eine mönchische Schwere zulegen, bei der alles ein Problem und so ernsthaft ist. Das Spielerische und zu behaupten, dass man mit einer Leichtigkeit weiterkommt, erleichtert vielleicht auch, nicht immer recht zu haben, sich zu einigen und Meinungen auch von außen sehr neugierig aufzunehmen. So eine Grundeinstellung, dass derjenige mit einer anderen Meinung kein Feind ist, sondern vielleicht einen Beitrag zum Prozess hat, das ist eine Grundeinstellung, die hat man hat oder eben nicht. Die haben wir in der Gruppe dann vielleicht auch ein wenig kultiviert. Aber sie führt, glaube ich, dazu, dass dann eher mal unerwartete Aspekte eine Rolle in einem Projekt spielen. Das Wichtigste ist die Suche nach der absoluten, nur hier möglichen Lösung. Nicht das Abziehbild dessen, was man schon immer gemacht hat. Der Versuch herauszufinden, was denn hier in dem 20. Wohnungsbau, gerade an der Stelle, in dem Kiez, historisch oder klimatisch oder in der zukünftigen Nutzerstruktur das Besondere ist.

Im Kontext des gesamten Schaffens war es dann wohl doch ein Sechser im Lotto, als Sie 2018 zusammen mit Marianne Birthler den deutschen Pavillon in Venedig gestalten konnten. Was war das Kernanliegen von „Unbuilding Walls“, wie der Titel damals lautete?

Krückeberg: Also erstmal hat wohl jeder Architekt den Traum, einmal den Pavillon des Landes zu kuratieren. Es ist wohl eine der Königsdisziplinen, das Land mit einer Frage zu repräsentieren. Als dann die Ausschreibung für 2018 kam, war da die Idee mit der Mauer. Ich interessiere mich für Zeitwahrnehmung und dachte, es ist so ein markanter Punkt, wenn der Zeitpunkt erreicht ist, dass die Mauer so lange weg ist, wie sie stand. Das wäre doch jetzt ein Anlass, zurückzuschauen. Wir fokussierten uns auf ein Mikrothema, nämlich den Mauerstreifen, und schauten uns ganz genau an, was da passiert ist, um herauszufinden, wie das Land und die Stadt zusammengewachsen sind. Das was daraus entstanden ist, wird ja wahrscheinlich etwas darüber erzählen, wie das Zusammenwachsen funktioniert hat. Marianne Birthler hatte natürlich als Ostdeutsche eine andere Perspektive, die eine andere Stimme darstellen konnte. Wir haben eine schwarze räumliche Wand gebaut. Wenn man reinkam, sah man eine schwarze Mauer, die sich auflöste, wenn man sich durch den Raum bewegte. Die Idee war: Man hat manchmal Mauern im Kopf, aber wenn man seinen Standpunkt verändert, gehen Mauern auf. Also eine relativ plakative Botschaft. Das war eine phantastische Zeit, wir haben da sehr viel gelernt.

Man spürt auch die Begeisterung durch, die nach über 20 Jahren immer noch da ist.

Willemeit: Na klar, wenn man – neben einer gewissen Miesepetrigkeit, die man immer hat – viele gleichgesinnte Menschen um sich hat.

Wenn man versuchen würde zu labeln, wie würden Sie die Entwicklung des Büros seit der Gründung beschreiben? Von den „Jungen Wilden“ zu …

Willemeit: Ich weiß nicht – vielleicht so etwas wie „gereifter Enthusiasmus“. Wir haben immer das gemacht, was uns fasziniert. Man hat schon oft Niederlagen erlebt und ist nicht ganz ohne Blessuren, das gehört dazu. Da ist mittlerweile so viel Erfahrung vorhanden, dass ich sagen würde, jetzt haben wir noch viel mehr Spaß, weil wir früher erkennen, welche Wege man nicht unbedingt gehen sollte, und wo eine faszinierende Lösung liegt, die auch realisierbar ist.

Herr Krückeberg, Herr Putz, Herr Willemeit, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christina Haberlik.

Graft

22 Jahre nach Gründung ist aus dem Jung-Architekten-Trio (v. l.) Thomas Willemeit, Wolfram Putz und Lars Krückeberg ein weltweit agierendes Großbüro mit über 100 Mitarbeitern und Hunderten von realisierten Projekten geworden. Vor Kurzem hat Graft zwei neue, außergewöhnliche Großprojekte in Berlin fertiggestellt: Charlie Living und Bricks.

(Erschienen in CUBE Berlin 03|20)

NOA_Noa-outdoor-living-opening_58_19_700pixel

High-End Outdoor Living

Der Inspirationspark „NOA Outdoor Living“ vereint 30 Marken in 12 Mustergärten

Wie ein Ruhepol

Einfamilienhaus mit reduzierter Formgebung und sparsamem Materialmix

Zeugnisse der Zeit

Historisches Wohnhaus erwacht aus dem Dornröschenschlaf und überrascht mit modernem Dachneubau

a&w München 2024

Es ist fast wieder soweit

Die exklusivste Veranstaltung für Architekt*innen und Innenarchitekt*innen macht am 5. & 6. Juni wieder in München Station.