Der wahre Grund des Klimaziels

Die jetzt erreichte Erderwärmung bleibt für immer

CUBE: Sie räumen oft mit Worthülsen und falschen Begrifflichkeiten auf. Eine davon ist „Erneuerbare Energien“. Was stört Sie daran?
Werner Sobek: Dass man Energie nicht erneuern kann! Hätten wir in der mündlichen Prüfung im Abitur die Existenz erneuerbarer Energie behauptet, dann wären wir alle durchgefallen. Energie kann man von einer Zustandsform in die andere überführen, aber die Summe an Energie in einem abgeschlossenen Volumen bleibt immer gleich. Insofern ist sie weder erneuerbar noch zerstörbar. Ich betone das deshalb, weil wir in unserem täglichen Leben mit einer ganzen Reihe von Worthülsen konfrontiert werden, bei denen die Bedeutungen der von unterschiedlichen Personen benutzten Begriffe nicht identisch sind. Wenn wir mit Problemen umgehen müssen wie etwa der Klimaerwärmung, übermäßigem Materialverbrauch, übermäßiger Abfallerzeugung und vielem anderen, dann bedarf es als Erstes einer klaren, gemeinsamen, unmissverständlichen Sprache. Und als Zweites einer Strategie, wie man die Probleme aus dem Feld räumt.

Im vergangenen Jahr gründeten Sie zusammen mit den Wissenschaftlern Dietmar Wahlberg, Elisabeth Endres, Manfred Norbert Fisch und Dirk Hebel die Initiative „Praxisfahrt CO2-Reduktion im Gebäudesektor“. Wo stehen wir heute mit dem Ansinnen einer CO2-Reduktion im Gebäudesektor?
Leider nicht dort, wo wir sein müssten. Bedingt durch die erste Ölkrise wurden 1976 in Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas die Gebäudeenergiegesetze eingeführt. Dort tauchte der Gedanke der Energieeffizienz auf. Jetzt wurde dieser Gedanke in dem Sinn ausgelegt, dass man sagte: Wir haben möglichst wenig Transmissionswärmeverluste, das heißt, wir reduzieren den Wärmedurchgang von innen nach außen. Was man in der Herstellung macht, hat nicht interessiert. Was man emissionstechnisch macht, hat nicht interessiert. Und auch 1995, als im Abkommen von Kyoto weltweit ein Emissionsproblem par excellence beschlossen wurde, hat man in Deutschland nichts anderes gemacht, als zu sagen: Wenn wir die Energieeffizienzpolitik im Bauwesen noch ein bisschen verschärfen, dann sparen wir Emissionen. So kam eine Verschärfung zustande, die in gigantische Maßnahmenkataloge mündete, in denen seitenlang zulässige Wärmedurchgangskoeffizenten von irgendwelchen Bauteilen und Komponenten gesetzlich festgelegt wurden. Doch das Wesentliche wurde vernachlässigt: Man hat nicht gesagt, wir beschränken die klimaschädlichen Emissionen. Man wollte eher durch die Hintertür über Energieeffizienz kassieren. Es ist natürlich ein dramatischer Denkfehler und weniger ein Versäumnis der Politik als vielmehr ein Fehler in der Beratung durch die Wissenschaft.

Ende Juni lud die Bayerische Architektenkammer Sie zu einer Veranstaltung über „Die ästhetische Gestaltung des Klimawandels“ ein. Wie ästhetisch kann der Klimawandel sein?
Wir können natürlich sagen, Ästhetik ist die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung. Wir können auch sagen, es ist die Lehre von der Wahrnehmung des Schönen. Aber was ist das Schöne? Worum geht es für Planerinnen und Planer eigentlich? Architektur ist letztlich nichts anderes – um den von mir hochgeschätzten Philosophen Ernst Bloch zu zitieren – als der Produktionsversuch menschlicher Heimat.

Mein ganzes Tun und Lassen war immer vom Versuch der Schaffung menschlicher Heimat geprägt. Bei vielen Gebäuden, die ich realisierte, wo ich beispielsweise neuartige Baustoffe oder Konstruktionsweisen anwandte, habe ich mich nach der Eröffnung immer einige Meter weggestellt und beobachtet, was die Menschen machen. Ob sie meine Gebäude berühren. Oder an ihnen riechen. Für mich muss alles eine hohe Gestaltungsqualität haben, die nicht irgendein Professor für Ästhetik würdigt, sondern die von den Menschen angenommen und geliebt wird, die gestreichelt, gern gesehen wird. Wenn wir neue Dinge in die gebaute Welt einbringen, wie etwa Windräder, dann ist das eine Novität. Jetzt gilt es, mit den Menschen darüber zu sprechen, worin die Gestaltungsqualität dieser Bauwerke liegt, dass ein Windrad vielleicht ihre persönliche Rettung ist. Sie können das Windrad natürlich auch verhindern. Dann werden die Kinder dieser Menschen jedoch in 20, 30 Jahren unter der sozialen Destabilisierung unserer Gesellschaft leiden, wenn nicht noch schlimmer.

Werner Sobek, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Kelly Kelch.

Hören Sie das gesamte Interview, das hier als Auszug veröffentlicht ist, als Podcast.

Prof. Dr. Dr. E.h. Dr. h.c. Werner Sobek
Einige Stationen: 1953 in Aalen geboren, Studium der Architektur und des Bauingenieurwesens in Stuttgart. 1992 folgte die Gründung des eigenen Büros, das inzwischen mit über 450 Mitarbeitenden weltweit agiert. 2001 gründete er das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität Stuttgart und 2007, zusammen mit anderen, die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Neben vielen anderen Ehrenämtern war er Mitglied des Board of Overseers der Harvard University. Vor wenigen Tagen wurde er zum Fellow der Institution of Structural Engineers (IStructE) ernannt.

(Erschienen in CUBE 03|25)

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