Wohnraum mit Perspektive
Innerstädtisches Wohnhaus mit flexibler Struktur für konsekutive Nutzung
Viele Akteur:innen wirkten daran mit, dass dieses Wohnprojekt in Charlottenburg realisiert wurde: Auf einer Gewerbebrache entstand ein Gebäude mit Mischnutzung (Kita, Läden) und 146 Wohneinheiten. Es wurde ursprünglich als „Modulare Unterkunft für Geflüchtete“ (MUF) entwickelt, initiiert vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) und realisiert durch die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) – mit der Möglichkeit einer späteren Nachnutzung.
Das Berliner Büro DMSW Architektur Stadt Landschaft stand vor der besonderen Herausforderung, bereits in der Planung eine langfristige Perspektive mitzudenken und ein flexibles Gebäudekonzept zu entwickeln, das auch akuten Wohnraumbedarf berücksichtigt. Die Erstnutzung als Unterkunft für Geflüchtete sollte, nachdem der Bedarf nicht mehr vorhanden ist, ohne Umbaumaßnahmen sofort in einen regulären Mietwohnungsbau überführt werden können. Daher bestand die Anforderung für die Entwicklungsphase darin, eine modulare Struktur mit höchster Flexibilität zu entwickeln. Das Ergebnis ist ein in zweijähriger Bauzeit errichteter siebengeschossiger Wohnblock mit 10.000 m² Nutzfläche für Wohnen, Kita, Gewerbe, Kieztreff, Verwaltung und Serviceangebote für Geflüchtete, die sich im Gebäudesockel befinden. Attraktive vorgehängte Balkonbänder auf der Hofseite gliedern optisch die große Baumasse. 50 Prozent der Wohnungen sind barrierefrei, die doppelgeschossige Kita befindet sich im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss. Die soziale Infrastruktur steht dem gesamten Quartier zur Verfügung und schafft – so hofft man – Gemeinsamkeit für die Bewohner:innen des Objekts mit den Anwohnenden der Nachbarschaft. Das Konzept für die bauliche Umsetzung sieht acht separate Eingänge und Erschließungskerne vor, verteilt auf die Gebäudelänge von 132 Metern. Dies ermöglicht zunächst kleinteilige Wohneinheiten, die bei der Nachnutzung in Ein- bis Fünfzimmerwohnungen umgewandelt werden können.
Mit dem Projekt wurde ein in Deutschland bisher selten konsequent umgesetztes Prinzip verwirklicht, das somit Modellcharakter hat: Statt einer Interimslösung, wie etwa einem temporären Wohnheim für Geflüchtete, entstand ein vollwertiger Neubau, der im Sinne einer Nachnutzung als regulär geförderter Wohnungsbau weitergenutzt werden kann. Der zunächst widersprüchlich erscheinende Anspruch, temporäre Unterbringung und dauerhaften Wohnungsbau zugleich zu realisieren, erweist sich hier als nachhaltige und praktikable Lösung – als „architektonischer Ausdruck gesellschaftspolitischen Anspruchs“, wie die Architekten das Projekt beschreiben.
Photos:
Jan Bitter
www.janbitter.de
(Published in CUBE Berlin 02|26)








