Ein Haus für alle
1960er-Jahre-Bungalow verwandelt sich in eine inklusive Wohngemeinschaft
Es war ein Fertighaus wie viele aus seiner Zeit: flach und funktional. Und doch steckte in dem Bungalow in Königstein deutlich mehr Potenzial, als der erste Blick vermuten ließ. Die neue Eigentümerin sah darin die Chance, einen Ort zu schaffen, an dem ihr Sohn mit einer Behinderung selbstbestimmt leben kann. Gemeinsam mit dem Büro Studio Wolf aus Offenbach nahm sie die Vision in Angriff, den alten Bungalow in ein modernes, barrierefreies Zuhause für eine inklusive Wohngemeinschaft zu verwandeln. „Es ging nie nur um Funktionalität“, betont Interior Designerin Stefanie Wolf, die das Projekt leitete. „Das Haus sollte zeigen, dass Barrierefreiheit und Design keine Gegensätze sind.“
Die Innenarchitekten begegneten ihrer Aufgabe mit einem klaren gestalterischen Leitgedanken: Räume zu schaffen, die Rücksicht und Offenheit zugleich verkörpern – architektonisch wie atmosphärisch. Der Bestand aus den 1960er-Jahren brachte dabei durchaus Hürden mit sich: Der Grundriss musste neu gedacht, Höhenunterschiede ausgeglichen und Wege großzügig geplant werden. Gleichzeitig galt es, das typische Flair des Bungalows – sein offenes, lichtdurchflutetes Wohngefühl – zu bewahren. So entschieden sich die Innenarchitekten für eine sensible Balance aus Bewahren und Verwandeln: Großzügige Durchgänge, schwellenlose Übergänge und maßgefertigte Einbauten ermöglichen heute Bewegungsfreiheit und Komfort. Materialien wie Eichenholz, Quarzkomposit und samtig matte Fliesen schaffen eine wohnliche Atmosphäre, die Wärme und Wertigkeit ausstrahlt. In der Küche prägt ein mutiger Kontrast das Herzstück des Hauses: Hochschränke in kräftigem Königsblau treffen auf hochformatige Fliesen in Grün, deren vertikales Liniendesign die fein kannelierte Oberfläche der Kücheninsel aufgreift. Unterfahrbare Arbeitsflächen, ergonomische Höhen und robuste Materialien verbinden Funktionalität mit Eleganz. Die Küche wird damit zum kommunikativen Zentrum, in dem Inklusion im Alltag selbstverständlich gelebt wird. Auch das Badezimmer beweist, wie Ästhetik und Alltagstauglichkeit zusammenfinden: Ein absenkbares Waschbecken, eine großzügige, bodengleiche Dusche und durchdachte Bewegungszonen zeigen, dass Barrierefreiheit nicht nach Klinik aussehen muss. Sanfte Farben und warme Lichtakzente schaffen hier einen Raum, der Geborgenheit vermittelt. Im Schlafzimmer trifft ein ledernes Betthaupt auf weiche Stoffe und eine ruhige Farbpalette. Tagsüber verwandelt ein Schreibtisch den Raum in ein kleines Homeoffice – ein Zeichen für das flexible Raumkonzept, das den individuellen Bedürfnissen der Bewohner:innen gerecht wird. Das Wohnzimmer schließlich erzählt vom neuen Gemeinschaftsgeist des Hauses: Ein großes Loungesofa, Tapeten mit feinem Musterspiel und ein Teppich im grafischen Design schaffen einen Ort der Begegnung, ohne visuelle Reizüberflutung.
Fotos:
Florian Zenk
(Erschienen in CUBE Frankfurt 04|25)