Ein Geschenk des Nils – Die Macht des Wassers im Alten Ägypten

Ausstellung im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek


Dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot wird die Aussage zugeschrieben, Ägypten sei „ein Geschenk des Nils“. Er bezog sich damit auf die jährliche Nilflut, die einen breiten Landstreifen unter Wasser setzte und bei ihrem Rückgang fruchtbaren Schlamm als Dünger zurückließ. Diese Überschwemmungen prägten den Lebens- und Arbeitsrhythmus, aber auch die religiösen Vorstellungen des antiken und mittelalterlichen Ägyptens und sicherten dem Land reiche Ernten und damit Wohlstand. Eine neue Sonderausstellung im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert ab Mittwoch, 14. Juni 2023 einzigartige Papyri aus der griechisch-römischen Zeit, die die Faszination Nil dokumentieren.

Die neue Schau zeigt eine facettenreiche Auswahl von über hundert Exponaten, von denen viele das erste Mal öffentlich ausgestellt werden. Sie beleuchten jene vielschichtige Thematik, die bis heute von besonderer Bedeutung ist: ein achtsamer und nachhaltiger Umgang mit der kostbaren Ressource Wasser. Zur Zeit der Pharaonen gab es genauso wie heute große Anstrengungen um zusätzliches Ackerland, sauberes Trinkwasser, ausreichende Bewässerung und den Kampf gegen die Wüste. Die Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek beherbergt zahlreiche Originaldokumente aus der pharaonischen, griechischen, römischen und früharabischen Zeit, an denen die vielfältigen Aspekte der „Wasserwirtschaft“ beleuchtet werden können. Die Texte berichten von einem staatlich gelenkten und überwachten Umgang mit Wasser und von den Anstrengungen um die Instandhaltung des hoch entwickelten Bewässerungssystems, damit die Nilflut zwar einerseits möglichst viele Ackerflächen erreichen konnte, andererseits aber auch keinen Schaden durch Überwässerung anrichtete.

Alle Ägypter*innen hatten an fünf Tagen pro Jahr für die Instandhaltung dieser Anlagen zu arbeiten; die Schleusen wurden bewacht, Schöpfräder und Ziehbrunnen sorgten für zusätzliche Wasserzufuhr. Der Nil und das Bewässerungssystem dienten außerdem dem Transport und den Reisen auf dem Wasserweg – in der römischen Kaiserzeit hielt darüber hinaus die Badekultur mit beheizten Thermen auch in Ägypten Einzug. Die Papyri aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek dokumentieren zudem die Regelungen der Wasserrechte, die steuerlichen Vergünstigungen in Trockenperioden und die Maßnahmen der Regierungen gegen das Vordringen der Wüste.

Da das Nilwasser in dem regenarmen und von Wüsten umgebenen Land die einzige Wasserzufuhr war, hing die Ernte von der Höhe der jährlichen Überschwemmung ab. Die Bewohner*innen Ägyptens haben deshalb durch Be- und Entwässerungsanlagen versucht, die kostbare Ressource Wasser möglichst effizient einzusetzen. Die sehr früh organisierte, gezielte Nutzung des Nilwassers durch ein komplexes System von Kanälen, Dämmen und Deichen ermöglichte den Aufstieg Ägyptens zu einer der ersten großen Ackerbaukulturen der Menschheit und dürfte ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung früher gesellschaftlicher und staatlicher Strukturen gewesen sein. Die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen fanden erst mit der Eröffnung des großen Assuan-Staudammes 1970 ein Ende. Die in der neuen Sonderausstellung gezeigten Objekte öffnen ein Tor in das Alte Ägypten und ermöglichen den Blick in den Alltag der Menschen.

Das Steigen des Nils wurde penibel beobachtet. Dieser Bericht einer Kirche in Memphis teilte dem aus einigen Dutzend weiteren Texten bekannten Großgrundbesitzer Flavius Strategios mit, dass der Fluss binnen vier Tagen im August um 28 Fingerlängen im vergangenen Jahr, im selben Zeitraum jedoch nur um 8 Fingerlängen gestiegen sei. Wie bedeutend die Informationen über das Ansteigen des Nils eingestuft wurden, zeigt einerseits die Adressierung an den hochstehenden, der Senatsaristokratie angehörenden Grundherren selbst und andererseits der Umstand, dass diese Nachricht nicht einmal, sondern routinemäßig erfolgte. Wie in altägyptischer Zeit wurde in einer günstigen Nilschwelle das Wirken überirdischer Kräfte erkannt – im vorliegenden Papyrus, welches im tief christlichen Ägypten des 6. Jahrhunderts n. Chr. entstand, wurde diese in der „Allmacht Christi“ gesehen.

In diesem offiziellen Brief beklagt sich ein Domänenverwalter und Steuereinnehmer bei einem hohen Beamten in bewegten Worten über Umstände, die zum Verlust der gesamten Ernte führen könnten. Das Erntegebiet war überschwemmt worden und dem Verwalter fehlten die Arbeitskräfte, um das Getreide ins Trockene zu bringen. Schuld an der furchtbaren Situation sei „ein Haufen Pöbel“, denn „die Gewohnheit der Einwohner von Taḥnašhā war es schon immer, [gegen] mich lautes Geschrei zu erheben“. Zudem ließ ihn ein Bevollmächtigter, auf dessen Unterstützung er angewiesen war, die Tennen auf der Stelle räumen. Zudem fehle der Wind, was das Worfeln des Getreides unmöglich machte. Das Schreiben belegt eindrücklich die Nöte eines Verwalters, der den Naturgewalten, dem Widerstand der Bevölkerung und der Willkür des Beamtenapparats ausgesetzt war.

In der von Notar Theodoros ausgefertigten Vertragsurkunde pachten drei Einwohner des herakleopolitanischen Dorfes Phnebi ein dort gelegenes Feld in der Größe von etwa 2,7 Hektar auf unbestimmte Zeit. Als Pachtzins versprechen die Pächter die jährlich zu zahlende Summe von 4 Goldsolidi sowie übliche Sonderabgaben wie Brote und ein Ferkel. Ausdrück­lich festgehalten wird, dass der Zins sowohl im Fall der Überflutung als auch im Fall mangelnder Überflutung durch die Nilschwelle fällig wird. Eine besondere Klausel widmet sich dem Vorhaben, auf dem Grundstück (oder einem Teil desselben) neue Weinreben anzupflanzen, wofür der Verpächter außerdem je Arure Weinland 100 Krüge Wein erhalten sollte. Vertragsbestandteil war auch das als Zubehör zum Grundstück mitverpachtete Wasserschöpf­werk, dessen Teile im Text genau bezeichnet sind: Hierzu gehört ein Wasserreservoir, aus dem das Wasser geschöpft wird, ein Ausflussbecken, in welches das nach oben gehobene Wasser eingespeist wird, das Hebewerk selbst sowie eine stabile, aus Ziegeln oder Steinen errichtete Einfassung, in der das Hebewerk verankert ist.

In der Zeit der römischen Herrschaft über Ägypten war ein Großteil der Bevölkerung dazu verpflichtet, an fünf Tagen pro Jahr unbezahlte Arbeit an den Kanälen, Dämmen und Deichen zu leisten, um das Bewässerungssystem instand zu halten. Nur römische Bürger und andere Personen mit privilegiertem Status (etwa Bürger aus Alexandria und den Bezirks-Metropolen) waren von dieser unbeliebten, aber für das Funktionieren der Bewässerung notwendigen Verpflichtung befreit. Auf dem fast quadratischen Zettelchen hat eine professionelle Schreiberhand in eiliger Schrift den stereotypen Text der Quittung hingeworfen. Nach dem Datum werden die fünf Arbeit­stage sowie der genaue Ort, an dem gearbeitet wurde, festgehalten. „Im 13. Regierungsjahr des Imperator Caesar Traianus Hadrianus Augustus, 16. (des Monats Choiak). Es hat für die Erdarbeiten des genannten 13. Jahres, vom 8. bis 12. Choiak, in der (Lokalität) Epagathiane von Soknopaiu Nesos gearbeitet: Papeis, Sohn des Panophrummis, Enkel des Papeis, von der Mutter Thatres“. (2. Hand): „Didymos, ich habe unterzeichnet“. Paläographisch zeigt diese Quittung das Phänomen der sogenannten Verschleifung: Der Text ist so rasch geschrieben, dass die kursiven Buchstaben stark verkürzt gestaltet sind und ein Wort eher durch seinen Gesamteindruck als eine klare Folge von einzelnen Buchstaben entsteht.

Der Totenbuchspruch 57 soll die Verstorbene im Jenseits mit Luft und Wasser versorgen. Im Totenbuch der Taruma ist er auf zwei Kolumnen aufgeteilt, die jeweils ein eigenes Bildfeld mit ähnlichen Motiven haben. Im ersten Bild empfängt die sitzende Verstorbene mit ihrer Hand Wasser, das ihr von der Baumgöttin aus zwei hohen Gefäßen gespendet wird. Die wellenförmigen Linien symbolisieren dabei die flüssige Natur von Wasser. Auch in der zweiten Vignette versorgt die Baumgöttin die Verstorbene, indem sie ihr Wasser und Nahrung darreicht. Das bekannte Motiv der Speisetischszene mit einer Opferformel bildet den Abschluss dieses Totenbuches. Der Totenbuchinhaber Sesostris und seine Ehefrau Pa-ichu sitzen vor einem reich gedeckten Gabentisch, der mit Broten, einer Gans, einem Zwiebelbund und einem Rinderschenkel beladen ist. Auch ein Bouquet aus Lotusblumen als Symbol der Regeneration darf nicht fehlen. Vor dem Gabentisch steht ihr Sohn, den die Beischrift als geliebt bezeichnet. Er vollzieht die Riten. Diese Darstellung und die darüber geschriebene Opferformel sollten die dauerhafte Versorgung mit Nahrungsmitteln und allem Benötigten im Jenseits garantieren. Diesen Reichtum an Produkten (Getreide, Bier, Kleidung, Gemüse etc.) ermöglichte der Nil durch seine jährliche Überschwemmung.

Der besonders lange Spruch 99B trägt den Titel „Spruch, um die Fähre im Totenreich zu holen“ und gehört zur Gruppe der sogenannten Fährsprüche, die die Verfügbarkeit von Transportmitteln im Jenseits garantieren sollen. Der innere Aufbau des Spruches thematisiert zunächst die Gefahr, die vom Götterfeind Apophis ausgeht: „… O der über jene Sandbank des Apophis fährt. … Knüpfe mir das Tau, damit ich aus ihm entkomme, diesem schlimmen Land, wo die Sterne auf ihre Gesichter fallen. …“ Es folgt ein Hilfeschrei des Verstorbenen, der fleht: „Lass mich nicht schifflos sein!“ Der Fährmann beruhigt ihn, doch muss der Verstorbene zuerst die korrekten Namen der einzelnen Schiffsteile kennen. Daran schließt sich ein Passus an, die dem Verstorbenen die Versorgung mit Opfergaben (Nahrungsmittel, Kleidung) und der freien Bewegung garantiert. Eine in Rot geschriebene Nachschrift fasst den Zweck des Spruches nochmals zusammen.

www.onb.ac.at