CUBE Frankfurt · 01|21

80 KUNST UND KULTUR von TomThomson. Gleichzeitig unterzieht die Ausstellung die Malerei der kanadischen Mo- derne einer kritischen Revision. Von etwa 1910 bis in die späten 1930er-Jahre malte die Group of Seven Landschaftsbilder, die für viele bis heute den Inbegriff Kanadas darstellen. Das erst 1867 zu einemmehr oder weniger unabhängigen Staat gewordene Land gründet auf einer langen Kolo- nialgeschichte. Bevor die ersten Siedler aus Eu- ropa kamen, war es bereits über Jahrtausende das Territorium indigener Völker. Mit Bildern von erhabenen Gebirgen und einer unversehrten Natur schuf die Group of Seven die romantische Vision eines vorindustriellen Rückzugsortes und stilisierte das Land zur terra nullius, einer vermeintlich unbewohntenWild- nis. Ihre Werke zeichnen eine überwältigende Landschaft jenseits der Realität der indigenen Bevölkerung und des modernen Stadtlebens so- wie der expandierenden industriellen Nutzung der Natur. Die Malerei der Group of Seven ist also nicht zuletzt Produkt und zugleich Zeugnis kultureller Hegemonie sowie des Ausschlusses der First Nations. In der Ausstellung eröffnen Uralte Wälder in entlegenen Regionen, majestä- tische Ansichten der Arktis, die Magie der Nord- lichter: Die Malerei der kanadischen Moderne entwirft ein mythisches, ein imaginäres Kanada. Voller bildnerischer Experimentierfreude reis- ten Anfang des 20. Jahrhunderts Künstler wie Franklin Carmichael, Emily Carr, J. E. H. Mac- Donald, Lawren Harris, Edwin Holgate, Arthur Lismer, TomThomson oder F. H. Varley aus den Städten tief hinein in die Natur, auf der Suche nach einem neuen malerischen Vokabular für die kulturelle Identität der jungen Nation. Die Ausstellung „Magnetic North. Mythos Kanada in der Malerei 1910–1940“ zeigt die Malerei der kanadischenModerne aus aktueller Perspektive. Die umfassende Präsentation beleuchtet mit rund 90 Gemälden und Skizzen sowie Videoarbeiten und dokumentarischemMaterial die in Kanada überaus populärenWerke der Künstler rund um die sogenannte Group of Seven aus Toronto. Erstmals in Deutschland sind Hauptwerke aus den großen Sammlungen Kanadas zu sehen, darunter Mt. Lefroy von Lawren Harris, Terre Sauvage von A. Y. Jackson oder The West Wind Magnetic North. Mythos Kanada in der Malerei 1910–1940, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2021, Foto: Norbert Miguletz Lawren S. Harris: Mt. Lefroy, 1930, McMichael Ca- nadian Art Collection, © Family of Lawren S. Harris Emily Carr: Trees in the Sky, 1939, Schenkung von Richard M. Ivey, 2008, Foto © Art Gallery of On- tario 2008/224 MAGNETIC NORTH Bild-/Textquelle: Schirn Kunsthalle Frankfurt Mythos Kanada in der Malerei 1910–1940

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