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Design mit Haltung & Impact

CUBE traf Harald Gründl im downtown EOOS Büro, das einst schon Helmut Lang & Coop Himmelb(l)au inspirierte.

Design mit Haltung & Impact
EOOS, supersystem integral, Zumtobel 2019
Design mit Haltung & Impact
EOOS, stact, Elevate collection, Keilhauer 2019
Design mit Haltung & Impact
EOOS, greenfreeze 2, 2019
Design mit Haltung & Impact
EOOS, Triennale, circular flows, 2019
Design mit Haltung & Impact
EOOS, Küchenkuh, 2019
CUBE: Design kann so viele Aspekte erfüllen, Bereiche abdecken und Rollen übernehmen. Als... mehr
CUBE: Design kann so viele Aspekte erfüllen, Bereiche abdecken und Rollen übernehmen. Als Beobachter von außen sieht man Sie in unterschiedlichsten Genres, die den gesamten Wohn- und Arbeitsdesignbereich abdecken und darüber hinaus als Studio mit sozial nachhaltiger Verantwortung. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Gibt es einen Fokus dahinter?

Harald Gründl: Das Möbeldesign begleitet uns ja schon von Anfang an, damit haben wir vor bald 25 Jahren gestartet. Der Fokus damals war klar: Wir wollten mit den besten Möbelfirmen zusammenarbeiten und ich glaube, das ist uns auch ganz gut gelungen. Aber EOOS ist mehr als Design, EOOS ist eine Haltung zu Design und die hat auch immer einen zeitlichen Kontext. Nach zehn Jahren Shopdesign für Giorgio Armani oder Adidas und nach der Finanzkrise 2008 standen andere Bereiche auf der Dringlichkeitsagenda ganz oben. Also haben wir die Themen Nachhaltigkeit, Klimawandel und später Social Design in unseren Fokus gerückt. Das bedeutet keinesfalls einen Widerspruch. Wir arbeiten mit der gleichen Begeisterung an einem Bürodrehstuhl wie an einer Toilette, die die sanitären Bedingungen in Südafrika verbessern kann. Die Herangehensweise ist jedenfalls immer systemisch. Auch bei einem Entwurf für eine Badewanne bedenken wir den Kontext ganzheitlich: Woher kommt das Wasser, wie viel warmes Wasser fließt wieder ab und kann es zwischenzeitlich genutzt werden? Mit unserer Entschlossenheit so zu arbeiten und dem nötigen Glück konnten wir die richtigen Kontexte für uns aufmachen.

Wie gehen Sie als Dreierteam Projekte an? Immer gemeinsam? Oder hat jeder einen thematischen Schwerpunkt?

Gerade komplexe Probleme löst man nicht mit sich allein, auch nicht zu zweit, zu dritt oder zu zehnt am Schreibtisch. Sie bedeuten komplexe Kommunikationsströme mit einem Netzwerk, das aufgebaut werden muss, um viele Informationen verarbeiten zu können. Das romantische Bild, dass wir, die wir in einer analogen Zeit begonnen haben, mit einem weichen Bleistift auf Zetteln kritzeln, ist nur noch ein sehr, sehr kleiner Teil des gesamten Prozesses. Entwerfen bedeutet auch, in einer Firma zu stehen und mit den Werksleitern zu diskutieren, wie man mit den Faktoren menschlicher Arbeit, Maschinenarbeit oder Ressourcen umgeht. Die Idee von EOOS war schon immer, dass wir Produkte entwickeln, die einer allein nicht hätte schaffen können, die während des Entwicklungsprozesses ungeplante Wendungen zulassen, die ohne Zutun von außen nicht möglich gewesen wären.

Wenn man es global betrachtet, mit welchen Produktentwicklungen, Designs setzen Sie einen Impact für die Zukunft unseres Planeten?

Ich glaube, ein Meilenstein ist das hochtechnologische Projekt der Urinseparationstoilette, das wir vor mittlerweile über zehn Jahren gemeinsam mit der Eawag, einem der besten Wasserforschungsinstitute der Welt, begonnen haben. Abstrakt betrachtet ist der Impact der, dass Design plötzlich dort eine Rolle spielt, wo es bislang noch nicht vertreten war. Dass Bill Gates als Brandname hinter dieser Toilette steht, hilft natürlich, denn bisher war das Thema tabu. Jetzt, viele Jahre später, machen auch Firmen, die eine innovative DNA haben, wie zum Beispiel Laufen, mit. Das Projekt ist auch noch nicht damit abgeschlossen, dass nun eine schicke Toilette bei einem Hersteller verfügbar ist. Nun braucht es große Neubaugebiete, die dieses Thema und den Nutzen des Produktes aufgreifen, nämlich Nährstoffe zu sammeln und wieder in den Naturkreislauf zurückzuführen, um so eine der Hauptbedrohungen für unsere Umwelt, die Verschmutzung von Gewässern durch Stickstoff, in den Griff zu bekommen.

Im kürzlich neugestalteten MAK Design Lab in Wien werden die Rollen von Design in Form einer Installation definiert. Darunter „Design kann Gewohnheiten verändern“. Welche Ihrer Produkte verändern Gewohnheiten und wie?

Manchmal verändern wir Gewohnheiten nur unwesentlich. Wenn wir kurz zur Laufen Toilette zurückkehren, dann verändern wir hier Gewohnheiten, wenn überhaupt, nur bei Männern. Mit anderen Projekten, wie bei dem auch im MAK ausgestellten Kühlschrank aus Holz und Schafwolle, bei dem nur noch das Kühlelement aus Metall ist, verändern wir Gewohnheiten gleich auf mehreren Ebenen: Einerseits beim Konsumverhalten, weil das Produkt als Servicemodell konzipiert ist und das Kaufmodell ersetzt. Andererseits durchbrechen wir mit diesem Kühlschrank auch die globalisierten Beschaffungsketten, weil er von einem Tischler gebaut werden kann, und wir bieten mit einem open design – wie auch bei unserem Projekt „Social Furniture“ vor ein paar Jahren – die Möglichkeit, den Kühlschrank sogar selbst herzustellen. Klar, das sind Angebote und wir müssen schauen, wie es den Leuten damit geht, aber in Anbetracht dessen, dass pro Person 20 kg Elektroschrott pro Jahr produziert wird, ist es uns wichtig, die Themen Arbeit, Material und Wiederverwertbarkeit anhand von Design zu behandeln und Alternativen aufzuzeigen.

Abseits Ihres gesellschaftspolitischen Impacts: Inwiefern ist Ihre Haltung bzw. Ihr Design für das Leben jener Personen, die sich mit EOOS Design umgeben, von Bedeutung?

Ein Spezifikum von Design ist, dass man eigentlich meist nicht weiß, wo es landet und was es tatsächlich bewirkt. Was Design schon auch ausmacht – und das fasziniert uns – ist die Freiheit, nicht zu wissen, ob jemand jahrelang darauf gespart hat, um sich ein EOOS Sofa zu kaufen, oder es sich einfach so kaufen kann. Allein daran sieht man, dass Design sehr unterschiedliche Bedeutungen für den Einzelnen haben kann.

Brandneu ist „Stact“, ein Sessel für die Elevate Serie für Keilhauer Design oder auch das Supersystem Integral für Zumtobel. Wie fügen sich diese Produkte in Ihre poetische Analyse?

Die poetische Anlayse ist kein Rezept. Sie bedeutet eher Spannungsfelder aufzumachen, in die man Dinge hineindenkt, die den Entwurfsprozess informieren. Man darf sich das nicht so vorstellen: Man nimmt ein Ritual und ein starkes Bild, findet eine Geschichte und dann kommt ein EOOS Produkt heraus. Es ist vielmehr eine Haltung, die Produkte entstehen lässt. Für Zumtobel zum Beispiel entwickeln wir schon seit vielen Jahren. Diesmal war das Spannungsfeld, den Strahlerkopf unsichtbar zu machen. Daraus entstand ein lineares Schienensystem und, ob man es glaubt oder nicht, die linear nebeneinander angeordneten Lichtköpfe erzeugen einen runden Lichtstrahl, der sich mit nur einem Handgriff, also es muss nur einer der vielen Strahler bewegt werden, ablenken lässt. Bei dem Sessel Stact, beziehungsweise generell bei der Entwicklung von Stühlen, geht es uns vor allem um Archetypen und um die Beziehung zwischen Körper und Objekt. Es handelt sich ja nicht um eine Skulptur, die nur mitten im Raum steht, sondern es sitzen Menschen auf den Stühlen. Bei dem stapelbaren Stact umfängt die spezifische Form der Rückenlehne den Rücken.
Für den Entwurfsprozess relevant sind natürlich auch immer projektspezifische Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der Preis eines Stuhls oder gewünschte Materialien. Und, das ist uns auch sehr wichtig und zeichnet die Gestaltung von EOOS aus: Wir versuchen, die Markenidentitäten der Unternehmen durch unsere Produkte zu artikulieren und lassen uns auch von ihnen inspirieren. Ich glaube, dass unsere Ernsthaftigkeit bei diesem Thema sehr geschätzt wird.

Ihre Kunden lesen sich wie das who is who der Design-Szene. Gibt es noch unerfüllte Wünsche, ein Produkt, ein Thema, das Ihnen am Herzen liegt und noch nicht auf Ihrem Tisch gelandet ist?

Unsere Beiträge in der Ausstellung „Klimawandel!“ im MAK kann man ein bisschen wie eine Wunschliste lesen. Vielleicht am wenigsten zum Mond zu fliegen, wir haben hier genug Dinge zu lösen. Aber die Produkte zeigen, dass wir nicht so alternativlos sind, wie uns das oft von Politik, Wirtschaft und Werbung weisgemacht wird. Wir hatten hier die Möglichkeit, mit einer Art spekulativem Design zu arbeiten, das aber so nah an die Gegenwart herangerückt ist, dass es für hier und jetzt greifbar wird. In der Ausstellung ist der Kühlschrank, den man nicht mehr wegwerfen muss, unser Social Vehicle, ein Auto, das in lokalen Werkstätten gebaut werden kann und gerade mal ein Zehntel der Ressource eines E-Golfs verbraucht, oder eine Küchenkuh, die – auch dank der Zusammenarbeit mit der BOKU – in sehr kleinem Maßstab einen möglichen natürlichen Kreislauf sichtbar macht.

Zum Schluss noch ganz persönlich: Was ist Ihr größter Erfolg bzw. was bedeutet Erfolg für Sie?

Einen persönlichen Erfolg habe ich nicht – was wir an Erfolgen haben, teilen wir. Aber ich glaube es ist ein Riesenerfolg, dass wir mit den Firmen arbeiten können, die wir uns vor vielen Jahren gewünscht haben. Aber auch, dass wir Teil einer Veränderung sein können, weil das auch damit zu tun hat, dass wir über viele Jahre eine Glaubwürdigkeit aufgebaut haben. Und wenn die Triennale di Milano eine Ausstellung zum Thema „broken nature“ plant und der vom MAK kuratierte Österreichbeitrag von EOOS über das ökologische Zusammenspiel von Küstengewässern, Abwassersystemen und Landwirtschaft mit dem Silbernen Black Bee Award ausgezeichnet werden, ist das doch super! Das sind Erfolge, die nicht von heute auf morgen kommen.

Herr Gründl, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Katharina Beitl.

(Erschienen in CUBE 04|19)


Harald Gründl, EOOS

Harald Gründl ist einer der drei Gründer von EOOS, dem Wiener Designstudio, das für beide Enden der Design-Skala arbeitet: Von Premiummöbeln und Produktdesign für Kunden wie Walter Knoll, bulthaup, Carl Hansen & Søn, Duravit, Herman Miller, Keilhauer, Laufen, MatteoGrassi oder Zumtobel bis hin zur Entwicklung nachhaltig sozialer Projekte für die Dritte Welt. Ausgangspunkt ist jeweils die Untersuchung von Ritualen, Mythen und intuitiven Bildern im Rahmen ihrer Poetical Analysis®.

EOOS entwickelte auch Beiträge zur Internationalen Architekturausstellung La Biennale di Venezia 2016 oder zur Vienna Biennale 2019. Bei der XXII Triennale di Milano wurden sie kürzlich für ihre Medieninstallation zum Thema „broken nature“ mit dem Silbernen Black Bee Award ausgezeichnet.

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