Architektur in Übergreifend
Kategorie
Themen
Interior in Übergreifend
Themen
Kategorie
Garten in Übergreifend
Themen
Kategorie
Spezial in Übergreifend
Kategorie
Themen

„Vor allem braucht es Mut“

Cube sprach auf der imm cologne am Stand des Möbelherstellers Thonet mit Designer Sebastian Herkner

Cube: Sie waren schon sehr jung erfolgreich. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Sebastian Herkner:... mehr
Cube: Sie waren schon sehr jung erfolgreich. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Sebastian Herkner: Arbeit, Arbeit, Arbeit! In Baden-Württemberg, wo ich herkomme, heißt es: „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“. Ich arbeite auch am Wochenende, Urlaub mache ich zwei Wochen im Jahr – das war’s. Zwar habe ich ein kleines Team von Assistenten, trotzdem bin ich auch Buchhaltung, PR, Facility-Management.

Wie hat alles angefangen?

Der Bell Table war für mich ein Schlüsselprodukt. Der wird in diesem Jahr genau zehn Jahre alt. Ich war drei Jahre auf dem Salone Satellite in Mailand und keiner wollte den Tisch haben. Dann hat Oliver Holy von Classicon den Tisch in einem Magazin entdeckt. Das größte Problem war in dieser Zeit für mich, eine Firma zu finden, die den Mut hatte, den Tisch zu produzieren. Damals waren Glas und Messing als Materialien im Design absolut nicht gefragt. Auch war die Debatte um Nachhaltigkeit und Echtheit noch nicht so richtig in Gang gekommen. Jetzt sieht man überall auf der Messe Marmor, Glas oder Messing.

Also war es nicht so sehr die Machbarkeit, die der Produktion des Bell Table im Wege stand?

Die Produktion war nicht das Problem. Auch bei Classicon gab es anfangs Vorbehalte. Sie fühlten sich noch sehr den Möbeln von Eileen Gray aus Stahl und Chrom verpflichtet und fragten sich, warum man jetzt mit goldfarbenem Messing arbeiten solle. Classicon hat sich dann aber getraut, was Neues zu machen. Heute ist der Bell Table ein wahnsinnig erfolgreiches Produkt. Es braucht vor allem bei den Herstellern den Mut, etwas Neues zu wagen. Ich arbeite gerade mit dem Polstermöbelspezialisten Wittman aus Österreich zusammen. Die waren ein wenig altbacken geworden. Dann kam ein neuer Geschäftsführer, der es wagte, das bestehende Programm komplett umzudrehen und mit Designern wie Jamie Hayon aus Spanien zu arbeiten. Jetzt erfährt Wittmann einen wahnsinnigen Aufwind. Eine Vision und eine eigene Idee zu haben, das ist wichtig.

Warum haben Sie sich denn überhaupt dafür entschieden, mit diesen damals im Design ungewöhnlichen, authentischen Materialien zu arbeiten?

Ich habe in Offenbach studiert. Das ist traditionell die deutsche Lederstadt, aber dort wird heute nichts mehr produziert. Während meines Studiums habe ich gemerkt, dass die Stadt dadurch ihre Identität verloren hat. Man identifiziert sich oft in einem Ort mit einer Herstellungstechnik, einem Material oder einer großen Firma. Das gibt es heute in Offenbach so nicht mehr. Ich wollte wissen, was denn die Bedeutung des Handwerks ist. So kam ich auf traditionelle, handwerklich gefertigte Materialien wie Glas und Messing.

Legen Sie bei Ihrer Arbeit auch selbst Hand an?

Ich habe keine direkte Ausbildung als Handwerker, aber das Studium hat auch einen großen praktischen Anteil. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und wurde von Zuhause aus mit zwei rechten Händen erzogen. Da ist man gewohnt, viel selbst zu machen. Für mich ist es als Designer sehr wichtig, wie das Material beschaffen ist, wie es sich anfühlt, wie es sich verformen lässt. Ich sehe mich dabei aber nicht als Experten. Dafür gibt es in den Firmen die vielen großartigen Spezialisten, zum Beispiel für das Holzbiegen bei Thonet, Flechten bei Dedon oder Polstern bei Wittmann.

Diese Spezialisten werden aber immer weniger.

Ja, das stimmt. Weil sich eine junge Generation nicht mehr so sehr für das Handwerk interessiert.

Das Handwerk hat leider nicht viel Romantik zu bieten, sondern besteht aus harter, schmutziger und körperlich anstrengender Arbeit.

Das bekomme ich bei den Glasbläsern mit. Die haben sogar sehr gute Gehälter. Aber das reicht den Leuten heute anscheinend nicht aus. Dabei machen sie einen wahnsinnig guten Job. Ohne Handwerk würde man hier auf der Messe fast nichts sehen.

Wie kam es zu dem Stuhlentwurf für Thonet?

Norbert Ruf, der jetzt für Produktentwicklung bei Thonet zuständig ist, kannte ich von meiner Arbeit für Dedon. Da haben wir sehr erfolgreich über drei Jahre zusammengearbeitet. Norbert hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für Thonet einen neuen Holzstuhl zu entwerfen. Er wusste, dass ich an einer Qualität wie sie Thonet in der Fertigung bieten kann interessiert bin. Bei meinem Stuhl war die Idee, den Frankfurter Stuhl neu zu denken. Wir wollten einen ehrlichen Stuhl zu einem guten Preis produzieren, damit wir mit den derzeit so erfolgreichen Marken aus Skandinavien in Konkurrenz treten können.

Thonet ist einer der traditionsreichsten Möbelhersteller überhaupt und wird in diesem Jahr 200 Jahre alt. Welchen Stellenwert hat das Unternehmen für Sie als Designer?

Wir sind im Studium die zwei Stunden von Offenbach nach Frankenberg gefahren und haben die Firma besucht. Das Unternehmen hat eine wahnsinnige Bedeutung im deutschen Design. Thonet war stetig auch Pionier und Erfinder, zuerst mit den Bugholzmöbel, dann mit den Stahlrohrmöbeln, später in der Neuzeit mit den Arbeiten des Designers Stefan Diez aus München. Immer war da auch ein visionärer Geist, das ist das Großartige an dem Unternehmen.

Thonet steht auch wie kein anderes Unternehmen für das Bauhaus, das Thema in diesem Jahr und hier auf der Messe überhaupt. Welche Bedeutung hat das Bauhaus für Sie heute noch?

Das Bauhaus ist nach dem ersten Weltkrieg und als reduzierte Designsprache nach eher dekorativen Epochen des Art Deco oder des Jugendstils entstanden. Bauhaus steht sicherlich für eine gewisse Zeit, aber es gibt auch Werte und Vorstellungen, die nach wie vor ihre Gültigkeit haben. Die Ansätze mit Stahlrohr zu arbeiten, waren bahnbrechend. Ich finde die Arbeiten von Anni Albers, die mit Farben und Textilien experimentiert hat, sehr interessant. Das Bauhaus hat sehr viel mit Farbe gearbeitet, das hat man lange Zeit etwas vergessen. Im Bauhaus wurden Leder, Stahlrohr, Textil oder Geflecht verwendet. Den Wert solcher echten Materialien, den wir heute neu entdecken, den gab es schon damals.

Das Bauhaus hatte auch einen sozialpolitischen Anspruch. Gibt es so etwas heute noch im Design?

Wir haben heute eine Bewegung, die verantwortungsvoller ist. Ich glaube, die jüngere Generation, die noch jünger ist als ich, kauft bewusster ein. Bei mir gab es noch „Geiz ist geil“, was fatal war und bei vielen hängen geblieben ist. Wir müssen das aus den Köpfen raus bekommen. Jeder sollte bewusster einkaufen: lieber nur einmal in der Woche ein gutes Stück Fleisch auf dem Wochenmarkt, das Gemüse vom Bauern nebenan. Wir sollten sparen, um gute Produkte zu kaufen, die uns unser ganzes Leben lang begleiten. Dabei echtes Material verwenden, was gut altert, was auch eine Patina bekommt und auch einen Kratzer überlebt.

Sie haben als Designer bereits sehr viel erreicht. Gibt es noch einen Wunsch für die Zukunft?

Erstmal bin ich wahnsinnig dankbar. Ich genieße das Privileg, sehr viel zu reisen, auch in weniger bekannte Länder, wie Taiwan, Simbabwe oder Kolumbien. Dort komme ich nicht nur im Reisebus in Kontakt mit den Menschen, sondern entwickle mit denen vor Ort Produkte. Die Offenheit und Neugier, die mich hier antreibt, die möchte ich auch in Zukunft nicht verlieren. Ich war gerade in Asien unterwegs, auch auf Messen. Da gibt es jetzt eine wahnsinnig große Begeisterung für europäisches Design. Die möchten nicht nur unsere Autos und iPhones haben, sondern auch so wohnen wie wir. Da sehe ich in den nächsten Jahren viel Potenzial für Architekten und Designer.

Herr Herkner, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Peter Steinhauer.


Sebastian Herkner

Der in Offenbach lebende Sebastian Herkner ist international derzeit einer der gefragtesten Designer. Die Pariser Messe „Maison & Objet“ hat den 37-Jährigen in diesem Jahr deshalb zum „Desi­gner of the Year“ gekürt. Herkner studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Nach seinem Studium arbeitete er in London bei der Modemacherin Stella McCartney. 2006 gründete der Designer sein eigenes Studio in Offenbach. Zu seinen Kunden gehören heute einige der bekanntesten internationalen Designmarken, darunter Ames, &Tradition, Cappellini, ClassiCon, Dedon, Fontana Arte, Gubi, Moroso, Pulpo, Rosenthal, Schramm Werkstätten, Thonet, Wittmann oder Zanotta. Herkner hat die Eleganz zurück ins Design gebracht. Er steht für die Wertschätzung traditioneller Handwerkskunst sowie den Einsatz authentischer Materialien.