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Michele de Lucchi

CUBE: Sie sind Designer, Architekt und Künstler, Ihre Werke sind sehr vielfältig und befassen... mehr

CUBE: Sie sind Designer, Architekt und Künstler, Ihre Werke sind sehr vielfältig und befassen sich mit ganz unterschiedlichen Aufgaben und Themen, Sie sind weltweit tätig. Was treibt Sie an und was gibt Ihnen Kraft für all diese Aktivitäten und Herausforderungen?
MICHELE DE LUCCHI: Ich selbst. Dabei arbeite ich unterschiedlich, zum einen allein und nur für mich und zum anderen in Gemeinschaft und für die Öffentlichkeit. Wenn ich allein arbeite, dann folge ich ausschließlich meinen Interessen. Wenn ich dagegen in meinem Büro arbeite, folge ich vielen Notwendigkeiten: meine Kunden glücklich machen, neue Aufträge finden usw. Nur das eine oder das andere machen, wäre nicht gut, gerade die Kombination beider Arbeitsweisen ist für mich so interessant. Arbeit bedeutet für mich immer eine Wechselwirkung zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und der Notwendigkeit als Person, als Individuum wahrgenommen zu werden und zu bestehen. Um Individuum und Gesellschaft zu verstehen, arbeite ich als Designer, Architekt, Maler, Bildhauer, sogar als Dichter und nutze alle Möglichkeiten dieser verschiedenen Disziplinen und insbesondere die heute verfügbaren Technologien. So möchte ich meinen Blick weiten und heraus finden, was die Welt bewegt.

CUBE: Schon als Student in den 1970er Jahren waren Sie an gesellschaftlichen Fragestellungen interessiert...
M. DE LUCCHI: Ja, genau. Das war die Zeit der konzeptuellen Kunst und Architektur, der radikalen Infragestellung aller bisherigen Theorien, der Auflehnung der Jungen, der Revolutionen. Architekten und Künstler dachten darüber nach, was es bedeutet, ein Gebäude zu bauen oder ein Bild zu malen, hinterfragten die Rolle dieser Berufe in der Gesellschaft. Ich fühle mich dieser Zeit, dieser Haltung bis heute verbunden.

CUBE: Welchen Themen und Fragen sollten sich denn Architekten und Designer heute stellen?
M. DE LUCCHI: Bis heute sind die Bedürfnisse der Menschen entscheidend! Die Welt der Architektur und die Welt des Designs entwickeln sich ständig weiter und gerade heute leben wir in einer technikgeprägten Zeit. Technologie ist der Motor der Innovation. Dennoch sollten wir immer wieder bewußt versuchen, quasi von außen auf unsere Welt zu sehen und uns kritisch fragen, ob Technik nur Spielerei oder eine sinnvolle Innovation für die Menschheit ist.

CUBE: Sowohl in der Architektur als auch im Design gibt es einige radikale Veränderungen durch innovative Technologien. Die LED-Technologie ist ein gutes Beispiel für die Erweiterung der gestalterischen Möglichkeiten durch eine neuartige Technik. Braucht jede technische Innovation auch eine ästhetische Innovation?
M. DE LUCCHI: Nicht zwingend, denn wir dürfen nicht vergessen, dass all diese Entwicklungen für das Leben der Menschen gemacht werden, selbst die fortschrittlichsten Gebäude, die effektivste Energieeinsparung müssen zu aller erst dem Menschen dienen und selbstverständlicher Teil seines Alltags sein. Deshalb brauchen wir eine Balance zwischen Technik und Natur. Alle wollen Energie sparen und die Natur bewahren, aber wir brauchen auch gutes Licht. Ausgewogenheit erreichen wir nur, wenn wir beides berücksichtigen.

CUBE: Ist Ihre Gründung von Produzione Privata mit einem Fokus auf handwerklicher Herstellung und Kleinserienfertigung eine Möglichkeit, diese Balance zu finden?
M. DE LUCCHI: Ja, Produzione Privata hat mit Handwerkskunst zu tun und ist ein gutes Beispiel für eine solche Ausgewogenheit. Jede Handwerkskunst ist von Hand gemacht. Und das ist der erste Schritt der Innovation: wenn man etwas ganz neu machen möchte, muß man es selbst erschaffen mit dem eigenen Geist und den eigenen Händen. Ich setze bewußt das Handwerkliche ein, um Prototypen zu schaffen, neue Formgebungen zu entwickeln und die beste Kombination neuer Materialien zu finden. Handwerkskunst ist für mich eine Art Labor für die spätere Serienproduktion. Was ich sagen möchte: Wenn man es von Hand macht, hat man die Freiheit, Fehler zu machen. Und Fehler zu machen, heißt, es besser zu machen. Das kann ich in der industriellen Fertigung nicht. Mit einer großen Maschine einen Fehler zu machen, heißt, einen großen Fehler zu machen. Mit weitreichenden Folgen und Auswirkungen.

CUBE: Ist es in diesem Zusammenhang auch wichtig, sich auf lokale Traditionen und Kompetenzen zu besinnen?
M. DE LUCCHI: Nicht unbedingt, Tradition um der Tradition willen kann keine Lösung sein. Heutiges Handwerk ist ganz anders als das Handwerk vor hundert Jahren. Wir müssen mit unseren heutigen Möglichkeiten und Mitteln das jeweils Beste mit Blick auf den Menschen entwickeln.

CUBE: Ihr bekanntestes Werk, die Tolomeo-Leuchte, die meistverkaufte Lampe der Welt, erscheint mir in diesem Sinne ohne jeden Fehler. Haben Sie mit ihr die ideale und zeitlose Form für eine industrielle Fertigung gefunden?
M. DE LUCCHI: Die Tolomeo ist in der Tat eine sehr glückliche Kombination von Idee und Lösung, von Gestalt und Funktionalität. Sie hatte von Anfang an das Potential für Variationen. Sie ist heute nicht mehr nur eine Lampe, sondern eine ganze Familie von Produkten, die eine Kombination von Lifestyle und Technologie ermöglicht und den unterschiedlichsten Anforderungen an Licht gerecht wird. Wir wünschen uns heute Lampen z.B. für diffuses Licht, gerichtetes Licht, atmosphärisches Licht oder Lampen für diverse Wohnsituationen. All dies leistet die Tolomeo und ich glaube wir werden noch viele Jahre weitere Tolomeo-Ideen entwickeln.

CUBE: Ihre Kunstwerke - insbesondere die Holz- und Steinskulpturen - erscheinen mir modellhaft für die Bedeutung von Architektur schlechthin oder wie philosophische Objekte, die fragen, was der Mensch ist. Sind diese Kunstwerke die Essenz Ihres Lebens und Ihrer Arbeit als Designer und Architekt?
M. DE LUCCHI: Tatsächlich nutze ich diese Art von Kunst, um mich selbst zu finden und um meine Projekte voranzubringen. Ganz absichtslos benutzte ich die Säge und war fasziniert von der Struktur, die ich dem Holz damit gebe, das ist wie skizzieren, nur mit der Säge statt mit dem Bleistift. Es macht mir Spaß, verschiedene Hölzer zu benutzen und herauszufinden, wie ich sie unterschiedlich schneiden und spielerisch bearbeiten kann. Dabei entstanden nach und nach Häuser, was mich zuerst sehr amüsiert hat. Dann habe ich verstanden, das die Urform des Hauses ganz einfach und zugleich philosophisch komplex ist. Ich bin immer auf der Suche nach der Gestalt. Neben der Säge nutze ich mittlerweile alle Arten von Werkzeugen und die Konstruktionen der Objekte werden immer komplexer und anspruchsvoller. Diese Erfahrungen aus der Arbeit allein in meinem Atelier nehme ich dann mit in mein Büro und entwickle sie weiter in der Zusammenarbeit mit meinen Kollegen.
Herr de Lucchi, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Michele de Lucchi wurde von Bettina Schön anläßlich der Neueröffnung des Showrooms von designfunktion in Hamburg geführt.



Michele De Lucchi

wurde 1951 in Ferrara geboren und machte seinen Studienabschluss in Architektur in Florenz. In den Jahren der Radical Architecture und der Experimental Architecture war er eine der herausragenden Figuren in den Gruppen Cavart, Alchymia und Memphis. De Lucchi entwarf das Design für Lampen und Möbel für bekannte italienische und europäische Unternehmen. Bei Olivetti war er Leiter des Design. Für Compact Computers, Philips, Siemens und Vitra war er in experimentellen Studien tätig.

Seine wichtigsten Architekturprojekte entwarf er für Bürogebäude renommierter Firmen in Japan, Deutschland und Italien. Für Banken und Telekommunikationsfirmen war er an der Erarbeitung des Corporate Image mit der Einführung technischer und ästhetischer Innovation in den Arbeitsplätzen involviert.

Michele De Lucchi war verantwortlich für das Ausstellungsdesign vieler Kunst- und Designausstellungen und entwarf Gebäude und Ausstellungsbereiche für zahlreiche Museen in Italien und Deutschland. Seine professionelle Arbeit wird bei De Lucchi immer begleitet von einer persönlichen Forschung zu Themen des Entwurfs, des Design, der Technologie und des Handwerks.

1990 gründete er Produzione Privata, mit dem er eigene Design­konzepte mit handwerklichen Techniken und Meistern realisiert. 2003 erwarb das Centre Georges Pompidou in Paris einen beträchtlichen Teil von De Lucchis Werken. Eine Auswahl seiner Objekte sind in den wichtigsten Museen Europas, der Vereinigten Staaten und Japans zu finden. De Lucchi erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen.