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Landschaft der Ideen

Der deutsche Pavillon auf der Expo 2015 in Mailand mit Lennart Wiechell

CUBE: Wie haben Sie es erneut geschafft, beim Wettbewerb für den deutschen Pavillon den ersten... mehr

CUBE: Wie haben Sie es erneut geschafft, beim Wettbewerb für den deutschen Pavillon den ersten Platz zu belegen?
Lennart Wiechell: Der Wettbewerb war europäisch ausgeschrieben, es haben 20 Teams mitgemacht. Wir haben nicht dafür gezahlt, dass wir gewonnen haben, sondern wir haben einen Entwurf gemacht, und die Auswahlkommission von 30 Jurymitgliedern hat sich dann in der zweiten Phase für dieses Projekt entschieden. Es ist keine reine Architektenjury, sondern es geht um das Gesamtkonzept, das von verschiedenen Teilnehmern der Kommission bewertet wird.

Wenn Sie sich selber loben dürften - worauf führen Sie es zurück, dass Sie wieder gewonnen haben?
Ich habe mir die anderen Konzepte angeschaut und da einige schöne Ideen gesehen, aber das Raumprogramm, das recht umfänglich ist, war oft nicht umgesetzt. Oft waren die Vorschläge eben nicht so stringend wie unsere Idee, die sich ohne große Gesten versucht, absolut auf die Holzlandschaft und die Bäume zu reduzieren. Es geht darum, die Menschen durch den Pavillon zu führen wie durch eine Landschaft, in der sich Deutschland vorstellt.

Wir haben jetzt zwei Expos gemacht, in Shanghai und hier, die auch grundsätzlich verschieden sind. Aber von der Denkweise her arbeiten sie immer aus der Perspektive des Besuchers, der sich überlegt, wie man im Raum eine Geschichte erzählt. Ich denke, das ist uns in beiden Fällen gelungen. Die Räume haben ein Potenzial, zum Treffpunkt zu werden und das ist das, was wir unbedingt wollten. Der Großteil der Fassade besteht nur aus einem Sonnenschutz und einem Gewebe, sodass wir einen Großteil des Pavillons auch belüften. Wir wollten von vorneherein ressourcensparend arbeiten. Wenn man das bei den anderen Wettbewerbern genau anschaut, dann sind Konzepte, die in die Erde gehen, wo aufwändige Baumaßnahmen notwendig sind, wirklich fragwürdig. Unser Fundament ist eine Bodenplatte. Wir unterkellern nicht und machen keine Tiefgeschosse.

Aus welchem Material ist das Gebäude?
Es ist kein Betongebäude, es ist ein Stahlgebäude mit Filigrandecken, es hat auch eine Stahl-Beton-Verbundkonstruktion aus verschiedensten Gründen, die vom Brandschutz her, von der Statik her, aber auch von den italienischen Vorgaben her notwendig waren.

Was ist die Grundidee des Gestaltungsentwurfs - also der Form des Pavillons?
Das hat sich entwickelt aus dieser hölzernen Landschaft, die wir sehen, sie ist ein Parcours, der aber wie eine Landschaftsarchitektur funktioniert. Es gibt Themen, die sich aneinanderreihen, Blickbeziehungen, Verdichtungen, Aufweitungen. Die Themen sind durch die Blickbeziehungen wie eine Perlenkette aneinandergereiht und das ist das Thema: Eine Art Parcours zu schaffen, als hölzerne Landschaft, die überdacht wird durch die Ideenkeimlinge oder die Solarbäume, die da herauswachsen.

Wenn man über die Freitreppe nach oben kommt, ändert sich der Raum. Die Dächer der Bäume erzeugen ein Schattenspiel in der Sonne. Das ergibt ein ganz lebendiges Bild. Nachts dreht sich das um, weil der Strom, der tagsüber erzeugt wurde, unten in den Batteriezellen gespeichert wird und nachts dazu benutzt wird, die Bäume zu beleuchten – die Bäume werden zu Lichtsegeln. Wenn es richtig dunkel ist, beleuchten sie diese Ebene. Die Bäume haben sehr viele Funktionen, sie sind einerseits eben ein ikonographisches Thema, konzeptionell, die Ideen, die scheinbar aus der Ausstellung nach oben wachsen. Und sie sind ein wichtiges Wiedererkennungsmerkmal, das prägende Moment, das man wahrnimmt von außen und mit dem deutschen Pavillon verbindet. Sie sind aber auch ein interaktives Element, weil jeder Baum für ein Thema in der Ausstellung steht. Wasser, Erde, Artenvielfalt, das Klima – d.h. alle Themen finden auf der oberen und der unteren Ebene statt. Damit das eben nicht so eine getrennte Geschichte ist, zwischen innen und außen, von daher gibt es hier diesen Parcours, der immer wieder innen und außen verbindet. Tagsüber kann man sich seinen Picknickkorb mitnehmen und hier auch einfach mit seiner Familie Picknick machen.

Was hat es noch auf sich mit den Solarbäumen?
Sie sind mit einem durchsichtigen Gewebe bespannt, das luftdurchlässig wie ein Netz ist und wie ein Theatervorhang funktioniert: Wenn das Licht von hinten kommt, ist es transparent und wenn es von vorne kommt wird es opak. Das ergibt diesen Tag/Nacht-Effekt. Die Elemente, die man da drin sieht, sind gedruckte Solarzellen, die in Nürnberg von bel-electric zum ersten Mal umgesetzt sind. Sie werden auf ETFE-Folie kaschiert, eingeklebt, an den Ecken sind die Aufhängepunkte und dann hängt man sie in dieses neuartige Netz. So haben wir ein wirkliches Industrieprodukt, was man auf großen Flächen gut einsetzen kann, um große Membranendächer damit zu versehen oder bestehende Fassaden – die könnte man nachträglich mit so einem Netz solartechnisch aktivieren, aber auch gestalterisch. Die Kosten halten sich sehr unter den normalen Photovoltaikelementen, sodass das das eine ganz interessante neue Technologie ist.

Und Sie haben wieder mit Milla und Partner zusammengearbeitet?
Genau, die waren für die Ausstellung – also das Inhaltliche – und wir eben für das gesamte Gebäude verantwortlich.

Ist das wirklich ganz neu, so eine strom- und energieerzeugende Fassade - oder gibt es das nicht in anderer Form schon?
Die Anwendung ist neu – die Technologie ist im Labor vor 15 Jahren entdeckt worden – dafür gab es einen Nobelpreis und das hier sind die ersten Anwendungen der Technologie in der Architektur. In der Realität schon getestet, wasserfest und mit einer entsprechenden Lebensdauer.

Wie heißt das korrekt?
OPV – organische Photovoltaik. Organisch, weil die Grundstoffe Polymere sind, die von Merk in Darmstadt hergestellt werden. Also hohe Kohlenstoffverbindungen.

Ich nehme an, der Entwurf für den Pavillon ist in Teamarbeit entstanden?
Genau. Wir arbeiten immer als Team – dieses ganze Projekt ist eine Teamarbeit, die einerseits von unserem Büro Schmidhuber, aber auch in der Zusammenarbeit mit Milla und Nüssli entstanden ist. Wir haben vom ersten Strich an zu dritt am Tisch gesessen und haben Konstruktion, Ausstellung und Architektur miteinander in Übereinklang gebracht. Schon am Anfang und ganz früh haben wir über den Ablauf der Ausstellung gesprochen, die Entscheidung eine Tageslichtausstellung zu machen, die ganz stark durch diese Bäume und den Lichteinfall geprägt ist.

Was macht Schmidhuber und Partner sonst noch?
Wie gesagt machen wir viele Pavillonbauten. Wir waren in Socchi bei den olympischen Spielen mit einem Family-Home für Procter & Gamble dabei, was auch ein sehr reduziertes Konzept war. Bei Pavillonbauten wie jetzt in London, Socchi und hier mit der Expo, findet langsam ein Paradigmenwechsel statt. Die ganzen Nationen denken vielmehr in leichten, einfachen Konstruktionen. Überall ist Ressourcenschonendes zu sehen.

Das meistverbaute Material hier ist wahrscheinlich Holz, wegen des ökologischen Anspruchs. Wie steht es mit der Recyclebarkeit Ihres Pavillons?
Wir wollen so wenig wie möglich recyceln. Wir werden versuchen, einen Großteil des Holzes weiterzuverwenden. Anwärter gibt es schon genügend, die Interesse angemeldet haben. Die Bäume sollen, so wie sie jetzt draußen zu sehen sind, in Deutschland wiederaufgebaut werden, da gibt es auch verschiedene Interessenten. Die Möbel sind nur geliehen, das Licht wird einem Lichtlabor an der Uni gestiftet.

Es bleibt nichts stehen - das gesamte Gelände ist nach der Expo wieder platt gemacht?
Ja – das sind die Expo-Regeln – und das ist natürlich auch der Hauptgrund der Kritik, dass viele Feuilletons schreiben, so eine Vanity-Fair für 6 Monate und alles wird danach platt gemacht. Das ist natürlich eine richtige Kritik und das betrifft nicht nur Expos, sondern auch Olympiaden und Weltmeisterschaften, das Thema der Nachhaltigkeit, der Nachnutzung viel ernster zu nehmen.

In Shanghai war das viel konsequenter durchgeführt. Da war der Park das Entwicklungsgebiet für den nachfolgenden Städtebau, da waren die Blocks, die Straßen, die Untergrundstationen komplett auf die Nachnutzung ausgelegt. In England, was sehr spannend bei den olympischen Spielen war, hat man einen Park für die Nachnutzung in Westfield designt, der dem Stadtteil gerecht wird und nur temporär die Stadien auf Olympianiveau erweitert und danach einfach wieder zurückbaut. Wie Sie sehen, es gibt Konzepte – auch die Architekturbiennale ist ein sehr schönes Konzept. Was man mal studieren sollte, ist, ob man nicht einen Ort auf der Welt dauerhaft für Sportveranstaltungen, Fußball, Olympia, Skifahren schafft. Warum muss man in Socchi Skifahren – also das kommt einfach nicht mehr an. Warum macht man nicht an den Orten, wo es gut möglich ist, Standorte und die schließt man regelmäßig auf und bespielt sie wie bei der Biennale. Das würde ja komplett Sinn machen.

Gut - da bleibt Ihnen nur zu wünschen, dass der deutsche Pavillon im Beliebtheitsranking wieder ganz nach vorne kommt.
Das können wir uns alle wünschen. Es geht ja darum, Deutschland zu vertreten und viele Kontakte zu machen. Das war im Grunde ein deutsch-italienisches Team auf der Baustelle.

Die Gretchenfrage ist natürlich - ob die Expo etwas bewirkt und die Inhalte umgesetzt werden?
Ich sehe das durchaus kritisch und denke, für meinen Geschmack sind viele Themen zu oberflächlich. Es gibt gute und schlechte Ausstellungen und hier hat man das sehr dicht beieinander – so wie der von Santa Sede, der vom Vatikanischen Staat, der mich heute sehr beeindruckt hat – und der sehr nachhallt. Das ist ein sehr kleines aber sehr schönes Projekt. Und auch der Pavillon von Bahrein, diese ganz reduzierte, ganz hohe Ebene der Organisation von Höfen, die im Licht und mit der Sonne wunderschön sind. Da habe ich wieder etwas gesehen, was mich anspricht – und so geht es sicher vielen anderen Leuten auch. Man kann das alles nicht nur auf einem hohen intellektuellen Niveau spielen – wir sind nicht auf der Biennale hier, auf einer Fachmesse für Architekten und Designer, sondern das ist nun mal eine Publikumsmesse.

Das Interview führte Christina Haberlik.

Lennart Wiechell ist einer der Partner des Büros Schmidthuber in München, das in den letzten... mehr

Lennart Wiechell


ist einer der Partner des Büros Schmidthuber in München, das in den letzten Jahren häufig bei Großveranstaltungen erste Preise „abgeräumt“ hat. Unter anderem gestaltete Schmidhuber & Partner den deutschen Pavillon bei der Expo 2010 in Shanghai und auch bei der diesjährigen Expo in Mailand mit dem Motto „Feed the Planet – Energy for Live“ ging der erste Platz für den deutschen Pavillon erneut an dieses Münchner Architekturbüro. Gemeinsam mit Milla & Partner (für die inhaltliche Gestaltung) und der Firma Nüssli aus Nürnberg entstand das Gesamtkonzept für beide Expos.

Wiechell studierte Architektur in Braunschweig u.a. bei Prof. Meinhard von Gerkan und in Florenz. In verschiedenen namhaften Architekturbüros, zuletzt bei Graft in Berlin, schärfte er seinen Blick für visionäre Architektur, bevor er 2008 geschäftsführender Partner bei Schmidhuber in München wurde.