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Ein Eames fürs Haus

Mit dem Dining Chair kehrt Vitra zum Ursprung zurück

CUBE: Herr Cohn, wie passt ein Bürostuhl ins Esszimmer? HANNS-PETER COHN: Gute Frage. Die erste... mehr

CUBE: Herr Cohn, wie passt ein Bürostuhl ins Esszimmer?
HANNS-PETER COHN: Gute Frage. Die erste Bezeichnung für die Eames-Alu-Group war Indoor/Outdoor und der erste Eames Alu Chair war ursprünglich für die private Nutzung, also den Bereich Home vorgesehen. Charles Eames und seine Freunde Eero Saarinen und Alexander Girard wollten endlich mal einen eleganten Outdoor-Stuhl entwerfen. So kam man auf das interessante Material Druckguss-Aluminium, überzogen mit einer Vinyl-Haut. Außerdem sitzt man bei diesem Stuhl ausschließlich auf Stoff, da ist nichts Metallisches drin. Der Komfort entsteht durch die Spannung des Stoffes …

CUBE: … und ist demnach auch bequem und wahrscheinlich auch für lange Dinnerabende geeignet …
H.-P. COHN: Ja, genau. Die Wanderung der Eames Chairs ins Office kam erst später, hier fanden die EA 105-108 ihren Einsatzort. Auch der Lounge Chair, ursprünglich Club-Sessel, fand seinen Weg ins Büro, in den Empfang beispielsweise.

CUBE: Und mit den EA 101-104 geht es jetzt wieder zurück ins Esszimmer?
H.-P. COHN: Das hängt auch damit zusammen, dass wir uns seit 2005 sehr intensiv mit Home auseinandersetzen, wobei die Mehrzahl unserer Handelskollegen schon immer transversal, das heißt sowohl für den privaten Haushalt, wie auch für das Büro gearbeitet haben.

SAMIR AYOUB: Ein Beispiel hierfür ist designfunktion. Wenn man sich mit erstklassigen Produkten umgibt in der Arbeitswelt und dabei höchste Anforderungen an Gestaltung, Material und Verarbeitungsqualität legt, dann sind das oft auch Produkte, die so schön sind, dass man sie auch gerne im privaten Umfeld hat. Das hat bei designfunktion über die Jahre dafür gesorgt, dass immer mehr private Kunden bedient werden. Das meinen wir mit Transversalität: Letztlich quer über die Bereiche hinweg: Büro, Objekt und Wohnen.

CUBE: Gab es vom Dining Chair einen Prototyp?
H.-P. COHN: Es gab den Stuhl wirklich, 1958 wurde er so hergestellt. Erst nachher hat sich mit einer gewissen Eigendynamik der EA 105-108 entwickelt, der eine stärkere Neigung der Rückenlehne nach hinten hat. Aber wenn Sie am Esstisch sitzen, wollen Sie das eher in einer vorgeneigteren Haltung - anders als in einer Konferenz beispielsweise. Deswegen haben wir uns dieses frühen Entwurfs von Eames erinnert, um dieses Einsatzgebiet Dining/Essen auch mit einem entsprechenden Produkt zu erschließen.

CUBE: Wie kamen Sie an den Entwurf, gab es denn eine originale Konstruktionsskizze?
H.-P. COHN: Charles Eames starb 1978, seine Frau Ray Eames 1988. Nach dem Tod von Ray Eames kaufte das Vitra Design Museum den Nachlass der Eames komplett auf. Aus diesem wunderbaren Fundus schöpfen wir und können so auch Dinge neu machen, allerdings in 100-prozentiger Absprache mit dem Eames Office in den USA.

CUBE: Welche Kunden wollen Sie mit dem Dining Chair ansprechen?
S. AYOUB: Natürlich sehr gerne auch Privatkunden – wenn wir vom Dining Chair sprechen, gehen wir davon aus, dass er eben auch im privaten Umfeld zum Einsatz kommt. Ich bin mir aber sicher, dass er genauso im Büro wieder seinen Platz findet – eben wegen der etwas vorgeneigten, aktiveren Sitzhaltung, die man sich heute auch in Besprechungen wünscht. Er ist außerdem schmaler geworden. Ein Traum ist die Auswahl der 28 neuen Farben, die Hella Jongerius kreiert hat. Es gibt einen großen Kanon an Farben von Gelb, über Rot-Orange, Grün– und Blautöne, aber natürlich auch sehr zurückhaltende und zeitlose Farben wie Grau, Beige, Braun und Anthrazittöne. Insgesamt ist sehr viel mehr Leben da und sehr viele dieser Stoffe sind bicolor-Stoffe, bei denen zwei verschiedenartige Fäden miteinander verwoben wurden

CUBE: Neonpink oder -orange wie es gerade so in ist, ist aber nicht dabei.
H.-P. COHN: Da müssen wir sehr vorsichtig sein bei einem Produkt, das über Generationen weitergeben wird und auf das es eine Garantie von 30 Jahren gibt. Wichtig ist, dass die Farben miteinander harmonieren. Hella Jongerius hat hier sehr gute Arbeit geleistet. Man kann die 28 unterschiedlichen Farben sehr gut miteinander kombinieren.

CUBE: Stichwort 30 Jahre haltbar. Alle reden von Nachhaltigkeit. Wie sieht es da bei den neuen Alu Chairs aus?
H.-P. COHN: Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit seit 1985. Seit dieser Zeit sind wir bemüht, alle Herstellungsprozesse und auch die Verwendung der Materialien den aktuellen Erkenntnissen anzupassen.

CUBE: Ein konkretes Beispiel?
H.-P. COHN: Vermeidung von Materialien, die nicht der cradle-to-cradle Gesetzmäßigkeit entsprechen. Hier gibt es zwei Kreisläufe und zwar entweder zurück in den biologischen oder zurück in den industriellen Kreislauf, sodass die Materialien wiederverwendet werden können. Beim Alu Chair verwenden wir zum Beispiel 98 % recyceltes Aluminium.

CUBE: Das Design kommt aus den 1950er-Jahren. Ist das heute noch gefragt oder so zeitlos, dass es immer gefällt?
H.-P. COHN: Für immer kann man nicht sagen, aber die Nachfrage zeigt klar, dass diese Klassiker der Moderne zeitlos sind. Es gibt Produkte, die tragen das Signet ihrer Zeit und sind trotzdem gefragt. Eames Produkte sind nachweislich zeitlos. Die Zuordnung ist für den Nichtwissenden relativ schwierig. Wir erleben es immer wieder und Samir Ayoub kann es bestätigen, dass Leute sagen: Nein, der EA ist mir zu modern.

CUBE: Ist die Bedeutung von gutem Design bei Privatpersonen in letzter Zeit gestiegen?
S. AYOUB: An sich suchen die Menschen Qualität, sowohl bei Form, Material, Haptik und Farbe. Eine ebensogroße Rolle spielt aber auch die Material- und Verarbeitungsqualität. Und wenn alle diese Dinge zusammenkommen, dann entstehen erstklassige Produkte.

Das Interview führte Barbara Brubacher.




Hanns-Peter Cohn
Seit 2005 leitet der gebürtige Leipziger, Jahrgang 1948, die Geschäfte der Vitra AG mit Hauptsitz in Birsfelden. 1984 kam er als Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb zu Vitra, danach leitete er die Leica Camera Group. 2005 kehrte er als CEO zu Vitra zurück. Der frühere Marathonläufer und leidenschaftliche Rennradfahrer schätzt die Devise seines Unternehmens sehr, die Grenzen des technisch Machbaren auszuloten, um trotz minimaler Verwendung von Ressourcen eine lange Lebensdauer des Produkts zu erreichen. Und wenn Probleme auftauchen, wird gehandelt. „Lösungen schaffen neue Energien“, sagte er kürzlich dem Zeit Magazin: „Ich glaube, das Wichtigste, was wir im Leben haben, sind Aufgaben und deren Lösungen.“



Samir Ayoub
Seine Vision „Erfolg lässt sich einrichten“ verfolgt Samir Ayoub streng genommen schon seit seiner Ausbildung. Denn seine Affinität zu Design und Möbeln, insbesondere fürs Büro, begann mit einem Trainee-Programm bei Vitra. 1973 geboren, kam der gebürtige Wuppertaler über Zwischenstationen bei Objektform Planen & Einrichten und Bene Deutschland (ehemals Objektform/Till-Gruppe) zu designfunktion nach München, wo er seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter ist. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind operative Geschäftsführung für Vertrieb, Marketing, Finanzwesen und Logistik sowie Büroberatung in Objekten. Als Unternehmer will er designfunktion zur stärksten „Marke“ im gehobenen Einrichtungssegment in Deutschland machen.