Architektur in Artikel
Kategorie
Themen
Interior in Artikel
Themen
Kategorie
Garten in Artikel
Themen
Kategorie
Spezial in Artikel
Kategorie

Bauherren- und Pflanzenexperte

Der Architekt Stephan Maria Lang schafft Kompositionen aus Haus und Garten

Bauherren- und Pflanzenexperte
Stephan Maria Lang
CUBE: Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist das Spannungsfeld zwischen Architektur und Landschaft. Wie... mehr
CUBE: Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist das Spannungsfeld zwischen Architektur und Landschaft. Wie kam es zu dieser Spezialisierung?

Stephan Maria Lang: Ich wollte ja immer Innenarchitekt werden und habe dann im Laufe meines beruflichen Werdegangs gelernt, Dinge von innen nach außen zu entwickeln. Ich fange eigentlich mit der Innenarchitektur an und baue das Haus drumherum – und mittlerweile fange ich sogar mit dem Garten an. Bei der letzten Arbeit hat sich das Haus aus dem Gartenkonzept heraus entwickelt. Ort und Beschaffenheit des Geländes sind dabei wahnsinnig wichtig – das habe ich von Richard Neutra gelernt –, man muss störende Dinge ausklammern, indem man große Bäume davor pflanzt oder Sichtachsen kreiert, sowie schauen, wo der Wind und die Sonne herkommt, wo die interessanten Blickbezüge sind. Dann sind für ein Haus ebenso die Einblicke und Ausblicke wichtig und wenn man die schon von Anfang an steuert, muss man im Sinne einer Einheit eben auch den Garten mitdenken.

Aus der Dialektik von innen und außen entwickeln Sie sozusagen eine Synthese?

Ja genau, da gibt es natürlich Vorbilder: Die westliche und die östliche Kultur. Oder Frank Lloyd Wright (FLW), der sich sehr intensiv mit der japanischen Kultur beschäftigte. Die japanische Kultur versucht nicht die Natur zu dominieren, etwa wie in Versailles mit einer Achse, wo alles dem menschlichen Gestaltungswillen unterworfen wird, sondern sie versucht die Natur sehr einfühlsam zu integrieren. Und das sollen meine Häuser auch. Dieser Ansatz ist nicht brachial, dominant, sondern eher subtil. Atmosphären entstehen, verschiedene Gartenräume entstehen, also diese ganzen Qualitäten, für die sich viele Architekten gar nicht interessieren und es ist schade, wenn die einem Haus fehlen.

Sie streben ein Gesamtkunstwerk an?

Ganz richtig. Gesamtkunstwerk ist ja ein Begriff, der sogar im Englischen existiert. Natürlich ist es selten, dass jemand eine größere Summe auch für den Garten ausgibt. Aber für ein Gesamtkunstwerk ist es ganz wichtig, dass man Haus und Garten eben auch als Einheit denken kann und sich nicht erst hinterher Landschaftsarchitekten zum Aufhübschen dazuholt, sondern dass das von der Stunde Null an schon ein wichtiger Aspekt ist. Wenn ich sehe, wie die meisten Häuser auf platten Terrassen stehen, dann ist das wie auf einem Tablett aus Stein und geht keinerlei Verbindung mit dem Garten ein, da kann sich der Landschaftsarchitekt noch so anstrengen.

Bei den meisten Handtuch-Grundstücken hat man natürlich keine großen Gestaltungsmöglichkeiten.

Ja – aber selbst wenn man da einen Vordergrund hat, dann wirkt der Hintergrund tiefer. Wenn man dann noch die Linien des Nachbars anschaut und mitdenkt, dann ist schon viel gewonnen. Es ist nicht unbedingt immer eine Frage der Größe. Wir haben auch einen sehr kleinen japanischen Garten gemacht, der fantastisch war.

In welcher Tradition stehen Sie? Gibt es Vorbilder?

Ich empfinde es fast als Beleidigung, wenn man mich als Bauhaus-Architekten bezeichnet, und habe mich sehr stark mit der japanischen Architektur, mit FLW, Neutra, Schindler beschäftigt. Die haben diesen organischen Ansatz, das geht bis zu Lautner oder Scharoun und Behnisch. Behnisch hat bevorzugt in der freien Landschaft gebaut, weil sich seine Gebäude da einfach perfekt integriert haben und eben nicht diese dominante Alphatierfassade hatten, die nur fotogen für das Titelbild ausreicht, sondern eben versucht, diesen Raumfluss immer zu erhalten. Dieser Raumfluss macht einen offenen Grundriss aus, wo es am Ende wichtig ist, wo offene und wo geschlossene Bereiche sind. Naturbezug heißt ja nicht nur eine riesige Glasfassade, sondern es muss auch Elemente geben, wo man sich anlehnen kann, wo eine Mauer vielleicht von innen nach außen geht. Neutra hat immer gesagt, der Landschaftsarchitekt ist der Senior Partner im Projekt, also eigentlich fast wichtiger als der Architekt, weil man das, was er macht, von innen heraus auch fühlt und spürt.

Was inspiriert Sie? Reisen Sie, schauen Sie sich um? Oder ist es Intuition?

Beides. Ganz wichtig ist es, sagte Alf Lechner, der ein großes Vorbild und auch ein Freund war: Sehen lernen. Wenn man nicht sieht, dann lernt man nichts. Und wenn man erstmal beginnt, sich für den Garten zu interessieren, dann sieht man auf einmal überall Felsenbirnen oder Bäume, an denen man vorher einfach achtlos vorbeigefahren ist. Dazu kommen natürlich noch die Gartenreisen oder die Chelsea Flower Show. Man muss sich Dinge anschauen, mit Kollegen sprechen, sich austauschen – am Schluss ist aber trotzdem die Intuition das Wichtigste.

Wie gehen Sie bei Ihrer Haus-/Garteninszenierung vor? Wie verläuft der Schaffensprozess?

Das Wichtigste sind die Räume, die man schafft. Und mit den Räumen auch die Atmosphäre, die entsteht. Beim letzten Projekt haben wir einen waldartigen Garten gemacht, da sind Mauerscheiben entstanden, die bis in das Haus reichen und unterschiedliche Gartenbereiche entstehen lassen. Die unterschiedlichen Gartenräume wie auch das Wechselspiel zwischen engen und offenen Bereichen machen den Garten spannend. Wenn die Abendsonne dazukommt, ist das wunderschön. Beim letzten Haus haben wir nur über den Garten gesprochen und dann hat sich das Haus so en passant als logische Konsequenz der Gartengestaltung entwickelt.

Ihre Arbeit erfordert großes Vorstellungsvermögen. Visualisieren Sie Ihre Entwürfe vor dem inneren Auge, zeichnen Sie oder bauen ein Modell?

In der Anfangsphase ist Kommunikation unheimlich wichtig und man sollte nicht mit fertigen Bildern kommen, sondern das Ganze in einem prozessartigen Fluss halten. Also fange ich an, mich mit dem Bauherren gemeinsam anzunähern, zunächst über Skizzen. Ich mag auch keine 3D-Renderings, weil dann alles schon abgeschlossen ist. Es geht ja eher um ein Gefühl, das man transportiert. Ich kommuniziere da sehr viel über Stimmungsbilder, wodurch ich prüfen kann, ob wir dasselbe Verständnis dieser Stimmung haben. Ich werte das sehr sorgfältig aus und sehe dann bei der Präsentation an der Reaktion der Augen, ob da ein Leuchten entsteht oder ob das gar nicht angekommen ist. Dieses Einfühlen ist so eine meiner Hauptstärken, dass man nicht einen Stil verkauft, wo man immer dasselbe macht, sondern wo man sich wirklich ganz dezidiert darum bemüht, die Kinderträume im Garten, die Wurzeln, die man hat, zu modellieren. Ein Haus und ein Garten sollte eine Stimmgabel für denjenigen sein, der darin wohnt. Ich lerne von den Bauherren und die Bauherren lernen von mir. Das ist eigentlich ein sehr spannender Weg.

Demnach ist das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Bauherrn fifty-fifty?

Es ist mehr als fifty-fifty. Das ist mein Credo. Ich sage immer 1+1 ist 3. Viele Architekten träumen immer von der Carte blanche. Mir würde das überhaupt keinen Spaß machen. Schon nach dem dritten Haus würde es langweilig werden. Also suche ich die Herausforderung – der Eine hat den Wunsch, der Andere hat den Spleen, der Eine will das, der Andere jenes – und das ist ja gerade das, was die Häuser unterschiedlich macht, und die Spannung für mich ausmacht, das zu lösen.

Sie erwähnten vorhin, beim letzten Projekt hätten Sie von außen nach innen gedacht …

Wir haben wochenlang nur über den Garten geredet. Das erste Bild, was ich der Bauherrin geschickt hatte, war eine Wiese mit einem abgemähten runden Kreis, ein Feld, wo ein leerer Lehnsessel darin stand – und sagte, das ist ihr Projekt. Und dann haben wir eigentlich nur über die Ruhe im Garten gesprochen, den sie für den Ausgleich braucht – und somit war der Garten zunächst wichtiger als das Haus. Oder beim größten Haus, das ich je gebaut habe, sagte der Bauherr, nachdem er schon 15 Jahre lang dort wohnte: „Herr Lang, ich bin super zufrieden mit dem Haus, aber ich muss zugeben, der Garten gefällt mir besser, weil er sich dauernd verändert.“

Sie sind mittlerweile auch Pflanzenexperte geworden?

Zunächst ist es wichtig, die Beschaffenheit und auch die lateinischen Namen der Pflanzen zu kennen. Und dann braucht man die richtigen Berater, sodass man weiß, welche Gräser in welcher Lage funktionieren. Eigentlich ist es wie lieber Gott spielen, wenn man für eine größere Summe 10 oder 15 Großbäume oder -pflanzen gekauft hat, die an einem Tag eingesetzt werden und man abends heimgeht und Gott gespielt hat, als wäre alles auf einmal an diesem Tag gewachsen. Das ist heute möglich und das haut einen auch um.

Wie sehen Sie sich selbst? Als Künstler oder als Dienstleister?

Das ist immer ein hart diskutierter Aspekt. Wenn ich behaupte, ich bin kreativer Dienstleister, dann heulen die Kollegen auf. Also ich bin der Meinung, dass man eine kongruente Lösung haben muss am Schluss, die mehr oder weniger kompromisslos ist. Am Ende habe ich ein kompromissloses Werk abgeliefert, wo ich meistens 97 Prozent erreiche – aber in Zusammenarbeit mit dem Bauherrn. Also wie gesagt: 1+1 ist 3. Wenn eine Lösung für den Bauherrn nicht funktioniert, finde ich eine neue, die vielleicht sogar noch besser ist, so lange bis wir eine für uns beide ideale Lösung haben.

Sie versuchen, „die Seele zu berühren“ – das klingt fast spirituell … wie kommt diese Dimension zustande?

Das ist ganz gut zu beschreiben, wenn man es mit Kunst vergleicht. Ich beurteile ein Kunstwerk für mich danach, ob es mich berührt. Und so ist es auch bei Häusern und bei Gärten: Was berührt mich – und was berührt den Bauherrn. Jeder Architekt findet seinen Bauherrn und zu mir kommen eben Bauherren, für die diese „Architektur für die Seele“ wichtig ist, die das auch spüren wollen.

Zum Schluss: Was ist Ihr Arbeitsmotor? Woraus schöpfen Sie Kraft?

Die Kraft schöpft man immer aus der eigenen Begeisterung. Das ist bei mir die Anfangsphase, der Prozess. Das ist wie ein Adrenalinstoß für einen Sportler, wenn man auf einem leeren Blatt ein Projekt aufzeichnet, eine Vision hat. FLW hat in drei Stunden Falling Water aufgezeichnet. Und ich glaube nicht, dass er das vorher im Kopf hatte, sondern auf einmal ist die Idee da – die Künstler nennen das „Coincidence“: Es fließt dir in die Feder. Das ist ein wahnsinnig schöner Moment, der einen beflügelt.

Herr Lang, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christina Haberlik.


Stephan Maria Lang

- Studium an der TU München und ETH Zürich
- Internationale Projekte bei Skidmore, Owings & Merrill LLP, London und A+P Smithson, London.
- Lehrassistenz an der TU München, Lehrstuhl Baukonstruktion Prof. Theodor Hugues
- Inspiriert durch die organische Architektur der kalifornischen Moderne entwickelt Lang einzigartige Gesamtkunstwerke, die als zeitlose Klassiker den Wandel der Moden überstehen.
- Als Gründer des Architekturbüros Stephan Maria Lang ist er der kreative Kopf und unermüdlicher Ansprechpartner seiner Bauherrschaft.