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Wohnen im Fokus der öffentlichen Diskussion

Im Gespräch mit dem Architekten Peter Berner

CUBE: Herr Berner, das Thema Wohnen beschäftigt Sie 2013 gleich mehrfach... Wohnen gehört zu... mehr

CUBE: Herr Berner, das Thema Wohnen beschäftigt Sie 2013 gleich mehrfach...
Wohnen gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen; das Wohnen ist gemeinsam mit dem Arbeiten der große Organisator und zugleich räumlicher Mittelpunkt unseres Lebens in den Städten. Wohnen ist derzeit in aller Munde, nicht weil es alle unmittelbar betrifft sondern weil es aufgrund der aktuellen Situation und der sich abzeichnenden Entwicklung enormen öffentlichen Diskussionsbedarf gibt.

P. BRENNER: Der Wohnungsbau ist ein sehr wichtiges Thema, selbstverständlich konkret für mich in meinem Beruf, aber mit anderem, spannenden Blickwinkel auch im Rahmen meiner Aktivität im Architektur Forum Rheinland und dem Bund Deutscher Architekten BDA. Für mich ist das eine synergetische Ergänzung; hier hat das Ehrenamt auch jeweils eine unterschiedliche Botschaft.

CUBE: Wie sieht die Situation derzeit aus?

P. BRENNER: Wir haben wieder eine Situation, in der wir in den Metropolregionen, sowohl bundesweit als auch in NRW, auf der einen Seite zum Teil sehr stark wachsende Städte – z.B. in der Rheinschiene und in Münster, auf der anderen Seite gleichzeitig aber auch eine insgesamte Schrumpfung feststellen. NRW wird in den nächsten 20 Jahren um knapp 5 % der Einwohner schrumpfen, gleichzeitig wächst die Bevölkerung einzelner Städte im gleichen Zeitraum um bis zu 11%. Dieses direkte Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung urbaner Regionen ist spannend, ist problematisch, ist chancenreich ...

CUBE: ... und somit auch ein Thema für das Architektur Forum Rheinland und den Bund Deutscher Architekten BDA?

P. BRENNER: Im Architektur Forum Rheinland (AFR) verfolgen wir eine stark inhaltliche Arbeit, um 2013 das Thema Wohnen grundsätzlich, tiefgehend und umfassend zu diskutieren, in seinen zeitlichen Schichten und unterschiedlichen Ausformungen. Dies geschieht insbesondere in den jährlich 11 öffentlichen Abendveranstaltungen im Domforum, die in diesem Jahr unter dem Motto „Wohngebiet Rheinland – wo wachsen, wie wohnen?“ stehen. Vor dem Hintergrund der Analyse und Prognose der Zahlen für NRW und der Geschichte des Wohnungsbaus gibt es einen spannenden Blick in die Region. Kann man ein Angebot schaffen, das Wachstum in einer bestimmten Region zulässt, aber insgesamt auch einen Ausgleich schafft? Weitere Ebenen der Betrachtung sind die mit dem Wohnen verschränkten Themen der Mobilität, des demographischen Wandels mit seiner problematischen Alterspyramide und der abnehmenden Attraktivität für das Wohnumfeld. Wir wollen dabei auch herausarbeiten, ob und welche Konzepte es bereits gibt, wir ziehen Zwischenrésumés und besondere Beispiele heran und setzen damit Impulse. Die Veranstaltungen erfahren ein hohes Maß an Öffentlichkeit, nicht nur aus der Fachwelt.
Im Bund Deutscher Architekten BDA ist es die berufspolitische Arbeit, die Grundlagen dafür schafft, gute Architektur, guten Städtebau, lebenswerte Situationen zu generieren, aber eben auch einmal im Jahr mit einer landesweiten Themenwoche - in 2013 unter dem Motto „Stadt.Land.Wohnen“ - und öffentlichen Veranstaltungen eine inhaltliche Setzung vornimmt, die dann von den BDA-Gruppen vor Ort jeweils eigenständig umgesetzt wird, mit starkem lokalen Bezug und großer Relevanz für die Praxis. Über den lokalen Kontext hinaus geht es uns um das unmittelbare Nebeneinander von stark wachsenden und stark schrumpfenden Gemeinden als gesellschaftliche und gemeinschaftliche Herausforderung.

CUBE: Wie wird diese Thematik von der Politik, der Verwaltung, der Wirtschaft aufgenommen?

P. BRENNER: Der Wohnungsbau ist ja schon lange ein Träger des Städtebaus, der Stadtentwicklungspolitik und des Immobilienmarktes. Gehen wir ein paar Jahre zurück und schauen auf die Entwicklung des Rheinauhafens in Köln. Dort wurde heiß gerungen um den Anteil des Wohnungsbaus. Die Politik sah den Rheinauhafen als Wohnstandort, die Wirtschaft als Bürostandort. Diese Diskussion hat sich durch den Markt völlig bereinigt. Heute ist man froh, dass der Wohnungsbau in schwachen Zeiten ein Antrieb war. Es gibt dort ja auch einige Projekte, die ganz anders geplant waren, in Wohnungsbau umgewidmet wurden, weil sie tatsächlich vom städtebaulichen und immobilienwirtschaftlichen Ertrag nicht schlechter waren als Bürobau. Dass da jetzt stärker gewohnt wird, ist nur zu begrüßen.

Auch haben institutionelle Anleger, für die vor 5-10 Jahren der Wohnungsbau nicht attraktiv war, damit begonnen, strukturiert in Wohnungsbau zu investieren. Darüber ist ein Mietmarkt entstanden, der teilweise auch sehr hochpreisig geworden ist, aber das hat viele Entwicklungen in den Städten ermöglicht. Und jetzt sind wir plötzlich in einer Situation mit hohem Druck im Wohnungsmarkt. In Köln gibt es eine Flaute in der Produktion von preiswertem und von gefördertem Wohnungsbau, was mit der Verfügbarkeit von Grundstücken und den Förderbedingungen zu tun hat. Die Diskussion hat stark an Dynamik gewonnen.

In der landesweiten Veranstaltungsreihe des BDA wollen wir auf diese Dynamik eingehen, sowohl langfristig planbare Entwicklungen als auch kurzfristig umsetzbare Rezepte aufzeigen. Alle BDA-Gruppen vor Ort, die sich mit Veranstaltungen beteiligen, werden sich auch anhand einer gemeinsamen Matrix die Situation des jeweiligen Ortes hinterfragen: Wo kommst Du her, wie geht’s Dir heute, wo liegen Deine großen Herausforderungen, bist Du ein Wachstums- oder ein Schrumpfungsmarkt, gibt’s Eigentum oder Miete - zu viel oder zu wenig - wo sind die Chancen? Die Veranstaltungen werden dies nicht akademisch, sondern verständlich beantworten, auch plakativ Ideen zu Lösungsansätzen bringen, mit Referenzen für den großen und den kleinen Maßstab. Die BDA-Kollegen werden vielfältige und kreative Ansätze für gute kurzfristige, aber auch nachhaltig langfristige Lösungen darstellen.

Wichtig ist es mir, dass man die Diskussion über Schrumpfung mit erhobenem Kopf führt. Wachstum ist ja in unserer Gesellschaft ein positiv besetzter Begriff, damit kommt man gerne in die Presse. Doch das Schrumpfen ist nicht populär, man redet nicht gerne darüber. Da intelligente Konzepte zu finden und auch diese scheinbaren Probleme in eine positive Entwicklung zu steuern, ist doch eine viel größere kreative Leistung als das Wachstum darzustellen. Allerdings ist das eine ungeduldige Diskussion, wenn man das in der Zeitung liest.

Dennoch steigt die mediale Aufmerksamkeit für das Thema Wohnen stetig an. Das mag dadurch begünstigt sein, dass in den wachsenden Regionen mittlerweile auch im großen mittleren Segment, zwischen Luxuswohnen und öffentlich gefördertem Wohnungsbau, die Verknappung an Wohnraum und Baugrundstücken deutlich zu spüren ist.

P. BRENNER: Statistisch ist klar ablesbar, was vom Nettoaufkommen für Miete aufzuwenden ist; dies ist in den letzten Jahren radikal gestiegen. Nur zum Teil lässt sich das mit den Energiepreisen und der sog. Zweite Miete belegen. Dazu kommen gestiegene Mobilitätskosten für den Weg von der Wohnung zur Arbeit.

CUBE: Die geburtenstarken Jahrgänge sind jetzt in dem Alter, in dem sie sich orientieren, sich entscheiden; sie drängen in die Städte, wollen Bildung, wollen Kultur, wollen an einem breiten Arbeitsmarkt partizipieren. Und in ein paar Jahren wird sich die Frage stellen, machen die es jetzt so wie vor 15, 20 Jahren, wollen raus mit der Familie auf’s Land, oder wird gestiegene Attraktivität der Städte gepaart mit schwierigeren Mobilitätsbedingungen wie Zeit und Kraftstoff ein anderes Verhaltensmuster erzeugen? Können sie in der Stadt Eigentum bilden oder ist das gar nicht finanzierbar? Das ist schwer zu prognostizieren.

Wir müssen uns fragen, was im Bereich des Wohnungsbaus noch geht. Wir müssen über neue Siedlungen am Stadtrand sprechen und darüber, wie wir die dort oft anzutreffenden, zersplitterten Siedlungsformen abrunden. Wir müssen aber auch das Potenzial in den Innenstädten suchen, wo die Infrastruktur funktioniert. So hat das rechtsrheinische Köln einen unglaublichen Vorrat an postindustriellen Flächen, die zum Teil gut erschlossen sind und ein hohes Potenzial bieten. In Düsseldorf ist das sehr viel schwieriger, da die Stadt keine Flächenstadt wie Köln, sondern enger gefasst ist; dort kommt gleich die Frage nach der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden. Düsseldorf hat in den letzten Jahren viel und auch systematisch neu erschlossen, was Köln noch nicht so richtig musste.

CUBE: Können die eher kleinen Wohnungsbauprojekte (Baulückenschließung, Aufstockung oder Nachverdichtung) noch etwas beitragen angesichts des enormen Bedarfes an Wohnraum in Köln? Oder muss man in großem Maßstab denken, auf der „grünen Wiese vor der Stadt“ bauen?

P. BRENNER: Man muss das eine tun ohne das andere zu lassen. Die kleine Lösung ist tatsächlich nicht der Durchbruch, aber wichtig. Das hat auch schon das Baulückenprogramm der Stadt Köln mit seinen Erfolgen gezeigt. In der gewachsenen Stadt kann man da noch viel erreichen, allerdings haben die freien Grundstücke der Innenstadt oft einen Makel, und der heißt Lärm und Emission.


CUBE: Herr Berner, wir bedanken uns für das Gespräch!

Die Veranstaltungsreihe „Wohngebiet Rheinland – wo wachsen, wie wohnen?“ des AFR findet 1x monatlich im Domforum Köln statt.

An der Veranstaltungsreihe „Stadt.Land.Wohnen“ des BDA NRW beteiligen sich vom 16. bis 19. September 2013 nach momentanem Stand die BDA-Gruppen Aachen, Bergisch-Land, Münster, Bonn-Rhein-Sieg, Dortmund-Hamm-Unna, Düsseldorf, Essen, Hagen-Ennepe-Mark, Köln, Münster, Ostwestfalen-Lippe und Rechter Niederrhein. Die Abschlussveranstaltung findet am 14. Oktober in Düsseldorf statt.

www.architektur-forum-rheinland.de
www.bda-nrw.de
www.astoc.de


Peter Berner

Diplom-Ingenieur Architekt BDA, geboren 1963 in Köln, studierte Architektur an der RWTH Aachen von 1983 bis 1990. 1989 erhielt er als Mitglied der studentischen Planungsgruppe Artecta u. a. den Schinkelpreis.

1990 gründete er in Köln zusammen mit Kees Christiaanse, Oliver Hall und Markus Neppl das Büro ASTOC Architects and Planners. Seit 2008 Mitglied im Gestaltungsbeirat der Stadt Köln, seit 2011 Vorsitzender des Landesvorstands Bund Deutscher Architekten BDA, Landesverband NRW und seit 2011 Vorsitzender des Architektur Forum Rheinland e.V. Seit 2012 Mitglied im Kuratorium der Landesinitiative StadtBauKultur NRW.

Fotos Christa Lachenmaier www.christalachenmaier.de Jürgen Christ HG Esch www.hgesch.de... mehr

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Christa Lachenmaier
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