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Ein Blick auf Kölns Masterplan

Ein großes Projekt leistet einen wichtigen Beitrag zum Diskurs über die Stadtgestaltung und die Entwicklung. Ein Gespräch mit Dr. Ulrich S. Soénius.

CUBE: Herr Dr. Soénius, wir haben 2011 mit Ihnen über den Masterplan zur Innenstadt Köln... mehr

CUBE: Herr Dr. Soénius, wir haben 2011 mit Ihnen über den Masterplan zur Innenstadt Köln gesprochen. Drei Jahre sind vergangen. Fünf Jahre sind seit dem Beschluss vergangen, den Masterplan umzusetzen. Wie ist der Stand der schrittweisen Umsetzung?

DR. SOÉNIUS: Wir befinden uns auf einem guten Weg. Einige Projekte konnten schon im Sinne des Masterplans erfolgreich abgeschlossen werden. Sichtbar und vor allem erlebbar ist das am Deutzer Bahnhof. Der Ottoplatz und die gesamte Straßenlandschaft wurden mit viel Aufwand neu gestaltet und erhalten zum ersten Mal die gewünschte Aufenthaltsqualität an dem so wichtigen und vielgenutzten Ort. Ein anderes, kleineres Projekt ist der L.-Fritz-Gruber-Platz mitten in der Innenstadt gelegen, vis-à-vis des herausragenden Kolumba Museums. Hier wurde mit einem klaren Gestaltungskonzept unter Berücksichtigung des alten Baumbestandes ein vorhandener Stadtraum wiederbelebt. Beide Vorhaben bestätigen, dass es an der Zeit war, die Plätze mit den Maßgaben des Masterplans wieder ins Bewusstsein der Bürger zu rufen.

CUBE: Der Masterplan zeigt das Bild der Stadtplanung der nächsten 20 Jahre. Daneben möchten und sollen gestalterische, soziale, kulturelle Aspekte sowie wirtschaftliche und demographische Entwicklungen berücksichtigt werden. Wie können wir dieser komplexen Stadtplanung gerecht werden?

DR. SOÉNIUS: Der Masterplan ist in erster Linie ein städtebaulicher Plan. Dennoch werden wir die unterschiedlichen Aspekte der Stadtentwicklung nicht aus dem Blick verlieren. Wir sind eine wachsende Stadt mit der belebtesten Innenstadt Deutschlands. Diese Vitalität müssen wir nutzen, beobachten und bei der Stadtplanung berücksichtigen. Der Masterplan kann gar kein statisches Werk sein, er lebt durch die Diskussion und muss immer wieder angepasst werden. Ganz wichtig ist, immer wieder Schnitte zu machen. Wir müssen eigentlich ungefähr alle vier, fünf Jahre überprüfen, wo kommen wir her, wo stehen wir, wo wollen wir hin.

CUBE: Welche konkreten Projekte erregen momentan am meisten Aufsehen?

DR. SOÉNIUS: Das sind natürlich die Projekte, die dem Bürger am Herzen hängen sowie die markanten Baustellen, die signalisieren, hier passiert Großes. Und das ist zum einen das Opernquartier, das neben der Wiedereröffnung der Oper und des Schauspielhauses auch das komplette Umfeld neugestaltet. Ebenfalls ins Blickfeld rückt das Gerling Quartier. Nach dem Auszug des Versicherungskonzerns wird das Quartier zu Wohn- und Geschäftsgebäuden umgewandelt. Bei solchen Projekten, die ganz klar durch ihre Tradition und Geschichte auch emotional den Bürger berühren, müssen wir besonders Acht geben, dass die Umsetzung gelingt.

CUBE: Köln ist Deutschlands Medienhauptstadt und Zentrum der Kreativwirtschaft. In welchen Gebäuden möchten heute Start-up Unternehmen und Firmen arbeiten?

DR. SOÉNIUS: Schön wäre, wenn sich das Kreative, das sich im Kopf und in einem Produkt widerspiegelt, auch im Ambiente widerspiegelt. Wenn ich mit jungen Kultur- und Kreativunternehmen spreche, merke ich immer, dass man sie nicht einfach in Stadtplanungsschubladen stecken kann. Für sie kann es dezent, unfertig und rau sein, zudem ist für sie wichtig, mitten im städtischen „normalen“ Leben zu sein. Und das ist ein Problem für Köln, das muss man ganz klar sagen. Diese rauen oder auch unfertigen Gebäude sind einfach so in der Masse nicht vorhanden. Das absolute Highlight, von denen wir uns mehr wünschen würden, ist das Carlswerkquartier von 1874 in Köln-Mülheim an der Schanzenstraße. Die Gebäude wurden auf ihre Ursprünglichkeit zurückgesetzt, der Charme der Industriearchitektur kann wieder erlebt werden. Und das zieht viele Unternehmen an. Hinzu kommt, dass sich Mülheim wunderbar entwickelt hat. Dazu bei trägt die Keupstraße mit ihren vielen türkischen Restaurants und ihrem lebendigen Geschäftsleben. Diese Mischung aus internationaler Bevölkerung, Industrie und der dazugekommenen Kreativwirtschaft, die sich hervorragend verträgt, findet man selten. Planen kann man sie schon gar nicht. Deswegen plädiere ich: Masterplan ja, Stadtplanung ja, Stadtentwicklung ja, aber dann auch flexibel reagieren.

CUBE: Wenn die klassische Industriebrache nicht mehr zur Verfügung steht, müssen wir dann nicht umdenken?

DR. SOÉNIUS: Wir müssen natürlich überlegen, welche Möglichkeiten können wir schaffen, welche anderen Räume können wir anbieten, um den Kreativen gerecht zu werden. Die Möglichkeiten des Bürobaus der 50er, 60er und 70er Jahre müssen wir unbedingt überprüfen. Wir versuchen hier schon, sowohl Unternehmen als auch Investoren zu gewinnen, die sich zutrauen, neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen, die dann auch auf andere Gebäude übertragbar sind.

CUBE: Zur Identifikation mit einer Stadt gehört immer auch der Stadtteil mit seinen Wochenmärkten, familiengeführten Bäckereien und Kneipen. Was bedeutet Ihnen persönlich die Ortsbindung?

DR. SOÉNIUS: Die Ortsbindung ist mir enorm wichtig. Und ich kann nur bestätigen, dass der Kölner an sich ungern umzieht und zudem sehr beständig ist. Das ist auch in den Stadtvierteln zu spüren. Jedes hat seine ganz eigene Identität und seinen eigenen Charme. Daneben sind aber auch Veränderungen zu sehen - und das ist das Interessante bei Köln, dass die Stadtviertel in einem ganz langsamen, schleichenden Prozess dabei sind, sich neue Gesichter zu geben. Beispiel Ehrenfeld im Linksrheinischen. Das war einmal ein ganz klassisches Arbeiterviertel, das sich sehr stark durch Migration in den 60er und 70er Jahren verändert hat, teilweise sogar einen schlechten Ruf hatte. Heute ist es ein In-Viertel. Jeder möchte dort hin und auch dort leben, selbst die Kreativen, die in Mülheim arbeiten. Die Stadtviertel werden diese große Bedeutung für jeden Einzelnen behalten. Da liegt es auch an uns, immer wieder gute Rahmenbedingungen in der gesamten Stadt zu schaffen.

CUBE: Neben den alteingesessenen Stadtvierteln entsteht im Kölner Süden das neue Stadtviertel Sürther Feld. Was würden Sie sich persönlich wünschen von einem neuen Stadtviertel?

DR. SOÉNIUS: Auch in neuen Stadtvierteln müssen Identität und persönliche Ortsbindung möglich sein. Der Gedanke, mal eben eine Masse Wohnungen auf ein Feld zu stellen und zu sagen, wir haben hier ein neues Stadtviertel, ist, so glaube ich, zu kurz gesprungen. Auch Gesellschaftsbereiche wie Freizeitgestaltung, Bildung bis hin zur Versorgung von älteren und kranken Menschen müssen bedacht werden. Hinzu kommen die Infrastruktur, der öffentliche Nahverkehr, die Fahrradwege, die ausgebaut werden müssen. Bei der Neuplanung eines Stadtviertels muss die Stadt für sich entscheiden, was wollen wir eigentlich. Wollen wir wachsen? Wollen wir mehr Menschen in die Stadt holen? Dann müssen wir das sorgfältig planen und dafür investieren. Eine größere Stadt kann ich mir vorstellen. Ich weiß nicht, ob ich mir diese Stadt noch in den Grenzen vorstellen kann, die sie jetzt hat. Köln ist immer gewachsen durch Eingemeindung. Warum nicht auch mal darüber diskutieren.

CUBE: Welche neuen Herausforderungen und Entwicklungen zeichnen sich für Köln und seine Umgebung in Zukunft ab?

DR. SOÉNIUS: Köln, und damit meine ich nicht nur die Stadt, sondern auch das Umland, ist eine wachsende Region. Perspektivisch werden bis 2025 mehr Menschen hinzu- als wegziehen. Des Weiteren sind wir eine Stadt, die sich als Wirtschafts-, Bildungs-, Freizeit- und Tourismusstandort breit aufstellt. Wir haben hier alles. Aus diesem Grund müssen wir Acht geben, dass sich alle Funktionen auch gleichmäßig entwickeln. Dafür benötigen wir schon noch den einen oder anderen Neubau. Daneben ist aber auch der sensible Umgang mit Bestandsgebäuden erforderlich. Es ist ersichtlich, dass die Menschen hier sowohl eine hohe Qualität in ihrer Stadt als auch die dazugehörige Urbanität wünschen. Um das zu erreichen, ist ein ständiges Insistieren notwendig, das Erkennen von Möglichkeiten sowie freies Denken, damit sich eine Idee auch entwickeln kann. Das ist eigentlich das, was der Masterplan hervorragend leistet.

CUBE: Müssen die Bürger dann nicht ganz besonders in diese zukünftigen Prozesse einbezogen werden?

DR. SOÉNIUS: In der Tat müssen wir die Bürger mitnehmen und auch beteiligen, aber in einem festen System. Das System muss u. a. klare Verabredungen, klare Daten und klare Fristen beinhalten. Wir dürfen nicht in die Problematik geraten, dass Planungsprozesse blockiert werden und nicht mehr investiert wird, weil keine Planungssicherheit gegeben ist. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage, die Wirtschaft solle sich an den Kosten für Beteiligungsverfahren beteiligen. Das ist immer noch preiswerter, als später jahrelang brachliegende Grundstücke, halbfertige Bauten oder die Folgen von Bürgerdemonstrationen zu bezahlen.

CUBE: Welche positiven, vielleicht auch überraschenden Entwicklungen gab es in den letzten Jahren, bei denen Sie gedacht haben: „Das muss auch in Zukunft weiter so umgesetzt werden“?

DR. SOÉNIUS: Das ist eindeutig die Entwicklung der Stadt am Wasser. Der Rhein ist da, den muss man nicht erfinden, darum beneiden uns viele. Wir sind ferner eine Stadt, die links und rechts des Rheins angesiedelt ist und damit haben wir in jeder Hinsicht eine Brückenfunktion zu erfüllen. Ich bin ein großer Freund der 500 m langen Freitreppe zwischen Hohenzollern- und Deutzer Brücke. Das ist doch ein Geschenk für unsere Stadt. Auch die beiden rechtsrheinischen Häfen in Mülheim und Deutz müssen in Angriff genommen werden. Nicht von heute auf morgen. Aber wir müssen heute schon mitdenken, so dass das städtebauliche Gesamtkonzept weiter wachsen kann.

CUBE: Herr Dr. Soénius, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Das Interview führte Elena Berkenkemper.



Dr. Ulrich S. Soénius
Dr. Ulrich S. Soénius, geb. 1962, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Köln (IHK Köln), seit 2007 Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik, in dem auch die Immobilienwirtschaft sowie die Stadt- und Regionalplanung betreut werden.

Stellvertretender Vorsitzender des Unternehmer für die Region Köln e. V., der den städtebaulichen Masterplan für die Innenstadt Kölns in Auftrag gegeben hat. Mitglied der Lenkungsgruppe Masterplan und sachkundiger Einwohner im Stadtentwicklungsausschuss des Rates der Stadt Köln. Zahlreiche Veröffentlichungen als Historiker und Kulturpolitiker, u. a. Herausgeber (mit Paul Bauwens-Adenauer): Der Masterplan von Köln. Albert Speers Vision für die Innenstadt von Köln, Köln 2009. 

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