Architektur in Artikel
Kategorie
Themen
Interior in Artikel
Themen
Kategorie
Garten in Artikel
Themen
Kategorie
Spezial in Artikel
Kategorie

Rekonstruktion der Avantgarde

Das 1:1-Modell des Golfclubhauses in Krefeld vergegenwärtigt die Entwurfskunst Mies van der Rohes

Mies van der Rohe (1886-1969) hat sich Zeit seines Lebens immer gerne an Krefeld erinnert. Selbst... mehr
Mies van der Rohe (1886-1969) hat sich Zeit seines Lebens immer gerne an Krefeld erinnert. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg, als er bereits einer der gefragtesten US-Architekten und Professor am renommierten Institute for Technology in Chicago war, verstummte der Kontakt zu seinen hiesigen Auftraggebern nicht. Bereits im Sommer 1927 entwarf und realisierte Mies in Krefeld die benachbarten Häuser Lange und Esters für die beiden gleichnamigen Unternehmer, die der dortigen Vereinigten Seidenwerkstätten AG (Verseidag) als Gründungsdirektoren vorstanden. Die beiden heute als Kunstmuseum genutzten Bauwerke dokumentieren Mies' Anstrengungen einen völlig neuartigen Grundriss zu entwickeln, der ein fließendes Kontinuum zwischen innen und außen, aber auch den Einzelräumen herstellt. Der Bauherr Hermann Lange, selbst ein passionierter Kunstsammler deutscher und französischer Avantgarde-Kunst, hatte Mies vermutlich im Umkreis eines Berliner Galeristen kennengelernt. Er konnte ihn auch für einige weitere wichtige Ausstellungsprojekte gewinnen: Zusammen mit seiner Partnerin Lilly Reich, entwarf und realisierte der Architekt die radikal moderne Szenografie für zwei Ausstellungen der Verseidag, die 1927 in Berlin und in Barcelona auf der Weltausstellung von 1929 gezeigt wurden. Von der Weltausstellung, zu der Mies bekanntlich auch eines seiner herausragenden Masterpieces, den legendären Deutschen Pavillon beisteuerte, führt eine weitere, bisweilen eher vergessene Linie zurück nach Krefeld: 1930 beteiligte sich Mies van der Rohe an einem kleinen Wettbewerb für ein Golfclubhaus in der niederrheinischen Samt- und Seidenstadt. Zwei Entwürfe fertigte er für den neu gegründeten Club an. Schicksal der Geschichte: Selbst der endgültige Entwurf, der sich in seiner Architektursprache vom Barcelona-Pavillon stark beeinflusst zeigt, blieb unrealisiert. Die nach Euro­pa übergreifende Weltwirtschaftskrise machte dem Vorhaben einen deutlichen Strich durch die Rechnung.

Einen Golfclub im Norden von Krefeld gibt es heute immer noch. Nicht hier, aber auf einem etwa 300 Meter Luftlinie entfernten Grundstück inmitten eines Naturlandschaftsgebietes feiert Mies' Golfclubhaus in diesem Jahr seine temporäre Wiederauferstehung. Im Umkreis des Vereins „Mies in Krefeld“, der von Christiane Lange, der Urenkelin Hermann Langes initiiert wurde, entstand die Idee, den Entwurf als begehbares 1:1-Modell zu realisieren und einen Sommer sowie einen Herbst lang als temporäres Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum zu nutzen. Die bekannten belgischen Architekten Robbrecht en Daem aus Gent konnten für die Idee schnell begeistert werden. Auf der Basis aller heute im New Yorker MoMA aufbewahrten Originalzeichnungen machten sie sich daran, Mies' Entwurf in ein Objekt zu überführen, das nicht dem fertigen Bau, wohl aber der fertigen Idee entspricht. Das aus zwei langgestreckten, sich kreuzenden Baukörpern zusammengesetzte Gebäude wurde – wie bei Mies vorgesehen – als Stahlskelettbau ausgeführt. Anstatt die Decke und die im Raum gruppierten Wandscheiben mit Naturstein zu verkleiden, wurden sie mit Holzplatten aus Seekiefer beplankt. Edelstahl statt Chrom umhüllt die Stützen. Auf die ausladende Geste des 50 m langen und 7 m breiten Vordachs folgt eine Halle mit einer offenen Glasfront, die einen direkt in das Herzstück des Gebäudes bringt – einen Gesellschaftssaal mit etwa 240 m2 Gesamtfläche. In Mies' Entwurf ist er bis auf eine Außenwand vollständig verglast – im Krefelder Modell wird darauf verzichtet, lediglich die Profile der Fensterelemente werden angedeutet. Auch das akkurat ausgeführte Boden­raster ist nicht etwa aus Naturstein, sondern setzt auf Beton – in Nebenräumen, über die die Zeichnungen sich ausschweigen, wurde einfach nur Kies gestreut. Dieses pragmatische und zugleich abstrahierende Vorgehen nimmt Mies streng beim Wort, erfindet nichts Neues hinzu. Alles was aus den Zeichnungen nicht hervorgeht, bleibt als Leerstelle offen, wird nur angedeutet, nicht aber durch eine Inter­pretation besetzt. Zugleich lässt das Modell aber den Besucher einen wesentlichen Aspekt Mies‘scher Entwurfskunst ganz hautnah erleben: Das geradezu dialogische Verhältnis von Gebäude und umgebender Landschaft, Mies' Meisterschaft Architektur und Natur sich wechselseitig inszenieren zu lassen.

MIES 1:1 – DAS GOLFCLUB PROJEKT
Geöffnet bis zum 27. Oktober.
www.projektmik.com

Fotos Robbrecht en Daem architecten www.robbrechtendaem.com A. Ruhnau www.ruhnau-architekt.de mehr
Fotos
Robbrecht en Daem architecten
www.robbrechtendaem.com
A. Ruhnau
www.ruhnau-architekt.de