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Qualitätsvoll Wohnen zum guten Preis

Vier Vorzeigeprojekte des geförderten Wohnungsbaus aus Düsseldorf und Neuss

In Düsseldorf brodelt seit einigen Monaten verstärkt die politische Debatte um den geförderten... mehr
In Düsseldorf brodelt seit einigen Monaten verstärkt die politische Debatte um den geförderten Wohnungsbau. Das Land NRW und die Landeshauptstadt schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu, wer die Verantwortung daran trägt, dass in der Stadt zu wenig bezahlbarer Wohnraum im niederen und mittleren Segment gebaut wird. In diesem Zuge wurden verschiedene Lösungskonzepte diskutiert. Ob Quotenregelung (wie sie sich im noch deutlich höherpreisigen München seit knapp 20 Jahren bewährt) oder lediglich Mietpreisbindung (wie sie OB Elbers jüngst für das Quartier Grafental und für zukünftige Neubauprojekte angekündigt hat) – es gibt da graduell unterschiedliche Steuerungsansätze. Zugleich darf es allerdings auch nicht nur darum gehen, den Investoren Zugeständnisse abzuverlangen. Wie auf einer Veranstaltung des BDA Düsseldorf unlängst deutlich wurde, sollte auch das in der Stadt bestehende Reservoir an Frei-, Brach- und Restflächen noch einmal auf den Prüfstand. Indem etwa ungenutzte Freiflächen und andere Brachen aus städtischem Besitz in B-Lagen kostengünstig zur Verfügung gestellt, Baulücken und Restflächen günstig von der Stadt erworben und aktiv an ausgewählte Investoren vermittelt werden, könnte die Stadt die Situation auf dem geförderten Wohnungsmarkt weiter entspannen. Das setzt allerdings eine andere Art der Verwaltung voraus, die sich proaktiv um gemeinnützig orientierte Investoren bemüht, und nicht nur alleinig auf die Nachfrage des Marktes reagiert. Was bei der Debatte um Quoten und Förderzahlen immer ein bisschen untergeht, ist die Qualität. Diese zu unterschätzen wäre allerdings fatal – sie ist geradezu die Grundvoraussetzung dafür, dass am Ende ein funktionierendes, sozial durchmischtes Viertel entsteht. Deshalb möchte CUBE an dieser Stelle den Blick auf geförderte Projekte richten, die von besonders hoher Qualität sind. Vier Vorzeigeprojekte aus Düsseldorf und Neuss eint die Idee, dass selbst unter dem Vorzeichen geringer Budgets Wohnräume für alle Generationen geschaffen werden können, die ebenso ökologisch wie ästhetisch überzeugen, und dabei auch noch sozial integrieren.

Einen kleinen Fußweg vom Neusser Hauptbahnhof liegt das Viertel „Südliche Furth“ – nicht weit vom Trödelmarkt „Gare du Neuss“, der hier jeden Samstag in alten Bahnhofsschuppen stattfindet. Wo noch bis vor einigen Jahren Container auf die Streckengleise verladen wurden, haben Agirbas Wienstroer Architekten im Auftrag des Neusser Bauvereins 2007 ein „Quartier der Chancengleichheit“ entwickelt: 255 barrierefreie, generationsübergreifend nutz­bare Wohnungen mit 2 bis zu 6 Zimmern, zum Teil als Gruppenwohnraum für Senioren ausgelegt oder als Pflegewohninsel für stationär besonders pflegebedürftige Bewohner. Die besondere Lage zwischen den Bahntrassen und einem alten Wohnviertel erforderte ein besonderes architektonisches Konzept. Die Architekten entwarfen einen langgestreckten Lärmschutzriegel, der optisch allerdings alles andere als wie eine Schallschutzwand wirkt. Der farbig artikulierte, hinter der Verglasung liegende Laubengang verleiht dem Ganzen den Charakter einer bewohnten Stadtmauer. Dahinter ordnen sich die Wohnblocks in einer viergeschossigen Zeilenbebauung, die Kammern ausbildet: Differenziert gestaltete, teilweise durch die Bewohner individuell bepflanzbare Freiräume mit Spielmöglichkeiten, Wasser-, Rasen- und Wegeflächen schaffen einen öffentlichen Raum mit hoher Aufenthalts- und Identifikationsqualität – und das alles komplett auto- und barrierefrei. Weil auf Integration viel Wert gelegt wurde, gibt es zudem ein Stadtteiltreff: Das von der Diakonie betriebene „Treff20“ ist ein Begegnungszentrum für Jung und Alt, ehrenamtlich organisiert und erster Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt.
Garath – noch in den 1990er Jahren war mit diesem Viertel das Image von Wohnungsbaumisere und sozialen Problemen assoziiert. Das hat sich durch Sanierungen und Steigerung der Aufenthaltsqualität im letzten Jahrzehnt stark relativiert. Auch die „Solarsiedlung“ in Nord-West-Garath zwischen Lüderitz- und Olbrichstraße ist dafür ein Beleg: Der von der Rheinwohnungsbau gehaltene, etwa 40-50 Jahre alte Gebäudebestand war technisch veraltet und wies erhebliche Bauschäden auf. Nach einem Wettbewerb wurde das Areal seit 2007 nach dem überarbeiteten Entwurf von Druschke + Grosser und HGMB Architekten städtebaulich neu geordnet. Acht Solitärgebäude umfassen jeweils einen der beiden zentralen Spielhöfe, darunter verborgen liegen 116 Tiefgaragenstellplätze. Architektonisch besticht die mittlerweile in zwei Bauabschnitten realisierte Wohnanlage vor allem durch die Vielzahl an zwei- bis dreigeschossigen Solitärgebäuden. Teilweise haben die familiengerecht entworfenen Gebäude den Charakter eines „gestapelten Reihenhauses“. Das „Wohnen mit eigener Haustür“ - in Teilen sogar mit eigenem Privatgarten - geht dabei Hand in Hand mit hoher Energieeffizienz: Mit thermischer Solar- und Photovoltaikanlage, Wärmerückgewinnung, Dreifachverglasung und Wärmedämmung funktioniert die Wohnanlage auf Niedrig-Energiestandard-Niveau. 122 2- bis 4-Zimmerwohnungen sind bisher realisiert, 27 davon mit staatlicher Förderung. Auch Gruppenwohnungen für Senioren wurden in das Viertel integriert, um eine möglichst hohe Durchmischung zu erreichen.

Das Neubaugebiet „Am Quellenbusch“ in Gerresheim gilt als eines der größten Entwicklungsgebiete der Landeshauptstadt. Um eine großzügige zentrale Grünfläche herum entstehen dort in den kommenden Jahren rund 800 Wohnungen. Ziel ist es, einen Wohnungs-Mix mit unterschiedlichsten Wohnformen zu realisieren. Erste Pionierbebauungen wurden in den letzten Jahren realisiert, darunter die Wohnanlage von Prof. Schmitz Architekten: Die kleine, dreigeschossige Wohnzeile braucht sich hinter der schallschützenden Riegelbebauung an der vielbefahrenen Torfbruchstraße nicht zu verstecken. Sie besticht durch ihre einfache, auf wenige Elemente reduzierte Gestaltung, strahlt aber auch Großzügigkeit aus: Die geräumigen Eingangsbereiche laden zu Begegnungen zwischen den Mietern ein. Die komplett geförderten Wohnungen haben im barrierefreien EG kleine, nach Südwest orientierte Privatgärten, in den oberen Etagen großzügige Balkone oder Dachterrassen. Auf Keller wurde aus Kostengründen bewusst verzichtet; Abstellräume wurden dafür geschickt in die Wohnungen und Treppenhäuser integriert. Ein innovatives Energiekonzept halbiert zudem den Heizenergiebedarf und verringert den CO2-Ausstoß merklich.

Ebenfalls in Gerresheim unweit der Hans-Könn-Straße, liegt ein weiteres Vorzeigeprojekt, das 2010 in Teilen mit Mitteln des geförderten Wohnungsbaus entstanden ist. Die Wohnzeile mit ihrem markant violetten, plastisch durchgestalteten Eckturm antwortet auf das Wohn- und Geschäftshaus am benachbarten Quartiersplatz – beide Projekte wurden von Fritschi + Stahl Architekten entworfen, auch sie im Viertel ansässig. Ein Verein älterer Menschen stand beratend beim Entwurf zur Seite. Aus Beratern, die nach einem Wohnmodell suchten, das Selbständigkeit und Gruppeneinbindung gleichermaßen zulässt, wurden Bewohnern: Alle 23 Wohneinheiten sind individuell zugeschnitten zwischen 65 und 100 m2; um die soziale Mischung zu gewährleisten teils gefördert, teils frei finanziert, komplett mit großen Loggien oder Wohnterrassen. Daneben gibt es zwei Gruppenräume – ein Bibliothekscafé im EG, das auch mit Nachbarn und Passanten kommuniziert, sowie ein großzügig geschnittener, über einen Lichthof natürlich belichteter Versammlungsraum im UG.

www.aw-architektur.de
www.druschkeundgrosser.de
www.hgmb.de
www.schmitz-architekten.de
www.fritschi-stahl-baum.de
Architekten Ağırbaş / Wienstroer www.aw-architektur.de Druschke und Grosser Architektur... mehr

Architekten

Ağırbaş / Wienstroer
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Fotos

Peter Frese
www.peter-frese.de
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