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„Wir wollen eine Mieterstadt“

Die WerkBundStadt möchte Fragen des modernen Wohnens und Lebens in der Stadt neu diskutieren

CUBE: Was ist der Grund, das Projekt WerkBundStadt gerade jetzt hier in Berlin ins Leben zu... mehr

CUBE: Was ist der Grund, das Projekt WerkBundStadt gerade jetzt hier in Berlin ins Leben zu rufen?
Prof. Paul Kahlfeldt: Unabhängig von den aktuellen Fragen, die wir beim Bauen haben, beschäftigen wir uns beim Werkbund schon lange mit der Thematik: Was ist modern? Wie wollen wir heute wohnen? Aktualität ist in das Thema rein gekommen, weil die Wohnungsfrage heute ein so brennendes Anliegen ist – unabhängig von der Flüchtlingsfrage, diese Problematik kommt noch hinzu. Wir sind viele Architekten im Werkbund. Deshalb wollten wir auch eine Selbstreflektion tätigen. Was baut man eigentlich, wie wird gebaut? Was sind heute die Ansprüche, die wir Architekten an unseren Berufsstand stellen?

Mit dem Namen WerkBundStadt machen Sie deutlich, dass Sie sich von der Idee der Werkbundsiedlung unterscheiden möchten. Wie wollen Sie sich konzeptionell neu aufstellen?
Wir haben uns gesagt, die Stadt ist heute das Thema, nicht die Siedlung oder der Vorort. Deshalb haben wir uns dagegen entschieden, eine Siedlung zu machen. Wir wollten nicht in Zehlendorf hinter der Bruno Taut Siedlung noch ein Grundstück suchen. Wir haben stattdessen ganz bewußt ein Stück Stadt ausgewählt. Was wir auch nicht wollten, war einfach eine Lücke zu besetzen, um dort dann Stadtreparatur zu betreiben. Wir werden zeigen, wie kann man auf einem größeren Areal innerhalb der Stadt heute bauen, wie funktioniert das.

Wie kam die Auswahl der beteiligten Büros zustande?
Der Werkbund ist föderal aufgestellt. Deshalb haben wir versucht die ganze Bandbreite der Bundesrepublik abzudecken. Wie der Werkbund es immer versucht hat, wollten wir auch junge, noch unbekannte Büros dabei haben. Wir vergessen nicht die Referenz an die ältere Generation. Mies van der Rohe hatte in Weißenhof auch seinen Lehrer Peter Behrens eingeladen. Der Werkbund ist international aufgestellt. Deshalb haben wir in der Schweiz nach interessanten Projekten gesucht. Umgeschaut haben wir uns auch in Holland, wo sehr viel Wohnungsbau gemacht wird.

Zu den Beteiligten gehören auch Produkt- und Möbeldesigner, darunter Barber & Osgerby aus London, Mark Braun, Werner Aisslinger oder Jakob Timpe aus Berlin. Welche Aufgabe haben die Designer?
Es gab die Idee mit Produktgestaltern, Grafikern, Landschaftsarchitekten, also der ganzen Bandbreite der im Werkbund vertretenen Mitglieder, zu arbeiten. Dazu gehören auch Unternehmen. Wir möchten von der Produktgestaltung über die Innenarchitektur bis zur Herstellung von Produkten alle Beteiligten in das Projekt mit einbeziehen. In dem Haus, was auf dem Grundstück steht, werden wir Musterwohnungen einrichten und zeigen, wie man heute wohnt. Wir möchten ein ganzheitliches Bild entwickeln, wie es auch unserem Selbstverständnis entspricht.

Was sind die wichtigsten Zukunftsthemen, mit denen sie sich in der WerkBundStadt beschäftigen?
Das interessanteste Thema, was sich derzeit heraus kristallisiert, das ist das der Mobilität. Wir werden zusammen mit dem Car-Sharing Unternehmen Drive Now ein Pilotprojekt realisieren. Der Bewohner der WerkBundStadt wird kein privates Auto mehr haben, sondern Drive Now stellt in der Tiefgarage den Anwohnern Autos zur Verfügung. Sogar die Fahrräder werden sich die Bewohner teilen. Wir setzen dabei auch auf Elektromobilität, was die Bespielung der Tiefgarage vollkommen verändern wird. In einigen Jahren, wenn das Projekt fertig ist, werden wahrscheinlich die Autos fahrerlos sich ihre Parklücke suchen.

Zentrale Zukunftsthemen sind in Zeiten des Klimawandels auch die Ökologie und die Energieversorgung. Welche Ideen gibt es dazu?
Wir hatten bereits eine Tagung zu dem Thema und haben uns von den Experten als Architekten beraten lassen. Wir werden mit Sicherheit die Frage des Wassers thematisieren. Partner bei der Energieversorgung ist Vattenfall, die das ganze Areal mit Fernwärme klimaneutral versorgen werden. Das Kraftwerk gibt es direkt nebenan. Ob wir noch andere Systeme integrieren, werden wir sehen.

Neben diesen großen gesellschaftlichen Themen interessiert vor allem auch die Gestaltung. Machen Sie gestalterische Vorgaben oder kann jeder Architekt selber seine eigenen Ideen verwirklichen?
Wir machen zu allererst ein großes Gemeinschaftsprojekt. Deshalb wird der Städtebau von allen beteiligten Architekten, dem Bezirk und den Bauherrn gemeinsam entwickelt. Genauso haben wir uns darauf geeinigt, was die gestalterischen Vorgaben sind. Eine der Vorgaben ist, dass die Straßenfassaden zu 60 Prozent ziegelsichtig sein sollen. Wir sind in der Gegend auch dem Denkmalschutz verpflichtet. Die Kraftwerksbauten sind alle Ziegelbauten. Wir wollen der Langeweile aber nicht zu viel Spielraum geben, deshalb darf die Fassadengestaltung nicht monomateriell sein. Die Freiheit, die die Architekten für sich gerne reklamieren, bekommen sie im Hof. Wir wollen keine Materialschlacht der Eitelkeiten, sondern eine einheitliche, nachhaltige Architektursprache schaffen.

Wie soll sich das Projekt finanzieren?
Im Augenblick gibt es auf dem Gelände außer Erdöllagerung nichts anderes. Wir arbeiten eng mit den Eigentümern zusammen, die uns sehr stark bei dem Projekt unterstützen. Der Showdown beginnt, wenn der B Plan rechtsverbindlich steht. Wie dann die Bauherrenstruktur ist, steht noch nicht fest. Die Idee ist, es wird keine Eigentumswohnungen geben, sondern wir wollen eine Mieterstadt. Wer dann der Eigentümer des Hauses ist, welches zum Beispiel die Architekten aus der Schweiz bauen, das ist noch offen. Das kann ein Pensionsfonds sein, ein Investor oder eine Baugruppe. Interessenten finden sich im Augenblick viele.

Wann wollen Sie fertig werden?
Ursprünglich wollten wir 2019 zum Bauhaus Jubiläum fertig sein. Aus Gründen des B Plan Verfahrens ist dieser Termin vermutlich nicht zu schaffen. Realistisch ist deshalb eher 2020/2021. Ziel ist, dass wir 2019 nicht mehr auf Öltanks gucken. Wir werden versuchen, die Rechtsverbindlichkeit des B Plans abzusichern, damit wir mit dem Stilllegen des Tanklagers anfangen können.

Herr Professor Kahlfeldt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Peter Steinhauer.


Professor Paul Kahlfeldt

ist Vorsitzender des Deutschen Werkbundes und einer der Gesamtverantwortlichen für die WerkBundStadt, ein Projekt des Deutschen Werkbundes Berlin e.V. Die WerkBundStadt soll im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf direkt an der Spree, in unmittelbarer Nähe des Schloss Charlottenburg auf der Mierendorff-Insel entstehen. Auf dem circa 22.000 m2 großen Gelände befinden sich momentan noch ein Tanklager mit rund einem Dutzend mächtiger Öltanks sowie ein leerstehendes Wohnhaus.

Auf dem Areal sollen rund 1.100 Wohnungen entstehen, die von 33 verschiedenen Architekturbüros aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden geplant werden. Die Präsentation des Projekts mit konkreten Entwürfen wird vom 23. bis 25. September 2016 im Rahmen des jährlichen Werkbundtages stattfinden.

www.werkbundstadt.berlin

Fotos: Martin Tervoort WerkBundStadt mehr

Fotos:

Martin Tervoort
WerkBundStadt