Architektur in Artikel
Kategorie
Themen
Interior in Artikel
Themen
Kategorie
Garten in Artikel
Themen
Kategorie
Spezial in Artikel
Kategorie

Recherche statt Zirkusschau

Die Architekturbiennale in Venedig besinnt sich auf die Moderne als globale Grunderfahrung

„Absorbing Modernity 1914-2014“ heißt das Leitmotto, das Rem Koolhaas der venezianischen... mehr
„Absorbing Modernity 1914-2014“ heißt das Leitmotto, das Rem Koolhaas der venezianischen Superschau in ihrer 14. Ausgabe als diesjähriger Generalkurator mit auf den Weg gegeben hat. Und er wollte damit keine hübsche Verpackung schaffen, die das programmatisch oft Disparate der verschiedenen Länderpavillons und Hauptausstellungen gefällig als leicht zu verdauendes Häppchen bündelt.

Nein, dem Niederländer, der es mehr denn je ablehnt, den Stararchitekten zu spielen, ist es dieses Mal tatsächlich gelungen, den mittlerweile 65 partizipierenden Nationen sein Motto so als Hausaufgabe schmackhaft zu machen, dass tatsächlich Selbstbefragung stimuliert und Forschungsinitiativen aktiv angeregt wurden. Wenn man auf dieser Biennale die Pavillons in den Giardini und dem erweiterten Arsenale abschreitet, dann hat man doch zumindest den Eindruck, nicht beliebig wirkende Fragmente einzusammeln, sondern einer umfassenderen Erzählung zu folgen, deren Verästelungen zum Vergleichen, zum Verknüpfen und zu Unterscheidungen einlädt. Anstatt das Feld den Architekten und ihrem Drang zur Selbstdarstellung zu überlassen, wird in großer thematischer Dichte vorgeführt, welche unterschiedlichen Ausprägungen 100 Jahre Architekturmoderne global befördert haben und vor welchen spezifischen Hintergründen dies geschah. Einige Länder dokumentieren dabei in einer Bestandsaufnahme überhaupt zum ersten Mal, wie die Moderne sich bei ihnen entwickelt und kulturell ausgeprägt hat – andere nehmen sich mehr assoziative Freiheiten heraus und konzentrieren sich pointiert auf Einzelaspekte.

Auch der deutsche Pavillon zählt in die letztere Kategorie: Die deutschen, in Zürich tätigen Architekten Savvas Ciriacidis und Alex Lehnerer, haben den umstrittenen, während der Nazizeit radikal überformten deutschen Pavillon mit Teilen des heute schon fast vergessenen Bonner Kanzlerbungalows von 1964 im Inneren im Originalmaßstab verschnitten. Der Zwischenraum, der dabei entsteht, lässt Momente und Geschichten, Zeiträume und reale Räume in einen subtilen Dialog miteinander treten – gegenseitig entlarvt sich so die leere politische Repräsentation, zu der beide Bauten jeweils auf inhaltlich könträre und doch vergleichbare Weise instrumentalisiert wurden.

Wie noch auf jeder Biennale, gibt es zwei Hauptausstellungen, die vom Generalkurator konzipiert und organisiert wurden: Mit „Monditalia“ lässt Koolhaas die ganze Halle des Arsenale mit einem dichten, interdisziplinären Cross-Over von Ausstellungsinstallationen, Tanz- und Konzertaufführungen und Sequenzen aus italienischen Kinostreifen bespielen – die enge Kooperation mit der hiesigen Musik-, Tanz-, und Filmbiennale macht es möglich.

Thematisch kreist die facettenreiche Schau um Italien – seine europäischen Wohlstandsgrenzen, die Bewahrung seines Erbes, seine kulturellen Erschütterungen durch Berlusconi – und vieles mehr. Es geht dabei um Architektur, es geht aber auch – dafür ist Koolhaas bekannt - noch mehr um einen kulturellen Zustandsbericht im weitesten Sinne. Im italienischen Pavillon in den Giardini hält man es „architektonischer“: Die Ausstellung „Elements of Architecture“ seziert die wichtigsten typologischen Architekturelemente und zeigt ihre Ausprägungen und Entwicklungen auf. Manche innovative Entdeckung wie mit dem Nutzer mitlaufende Infrarot-Deckenheizungen oder Schrägaufzüge werden dabei präsentiert, aber auch einiges Skurriles wie die lebenslängliche Treppenforschung des 92-jährigen, deutschen Forschers Friedrich Mielke oder die Entwicklung der geschwungenen chinesischen Dachform.

Man kann viel Zeit hier verbringen, viele Entdeckungen machen - und wenn es denn stimmt, dann soll so mancher Architekt die Lagunenstadt dieses Jahr nicht nur wie immer mit vielerlei Anregung, sondern sogar mit Eingebungen für Neues, Ungesehenes verlassen haben.

14. Biennale Architettura di Venezia
Noch bis zum 23. November 2014
www.labiennale.org/en/architecture
14. Biennale Architettura di Venezia Noch bis zum 23. November 2014 www.labiennale.org... mehr
14. Biennale Architettura di Venezia
Noch bis zum 23. November 2014
www.labiennale.org/en/architecture

Fotos

Paul Andreas