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Radikal abstrahiert

Das wiederhergestellte Ensemble der Dessauer Meisterhäuser

Die Konstellation entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ausgerechnet Philipp Oswalt, Berliner... mehr
Die Konstellation entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ausgerechnet Philipp Oswalt, Berliner Architekt und Architekturtheoretiker, der sich in Berlin eine Namen gemacht hat als glühender Gegner der Stadtschloss-Rekonstruktion war in seiner Eigenschaft als Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau wesentlich verantwortlich für Konzept und Umsetzung einer architektonischen Rekonstruktion – nämlich jener der zwei im Krieg zerstörten Meisterhäuser von Walter Gropius und Laslo Moholy-Nagys in der Dessauer Meisterhaus-Siedlung.

Das Ensemble im lichten Kiefernhain am Rande der Stadt gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Bauhausmoderne in Deutschland. Die vier 1926 errichteten, äußerlich nahezu identischen Häuser beherbergten den Direktor selbst und, auf drei Doppelhäuser aufgeteilt, sechs seiner Meister nebst Familien. Nach einer wechselvollen Nutzungsgeschichte konnten vor einigen Jahren zwei und ein halbes Haus in akribischer Kleinarbeit wieder ihrem Ursprungszustand angenähert werden. Was jedoch fehlte, sind das Direktorenhaus und die benachbarte Haushälfte, die einst von Moholy-Nagys bewohnt wurde. Die nun nach Plänen des Berliner Architekturbüros Bruno Fioretti Marquez fertig gestellten Gebäude stehen am Ende einer langen, kontrovers geführten Debatte über Für und Wider eines Wiederaufbaus bzw. den angemessenen Weg zwischen Reparatur und Rekonstruktion der Häuser. Der Entwurf ist das Ergebnis eines 2010 durchgeführten Architektenwettbewerbs. Dass sich die prominent - u. a. mit David Chipperfield - besetzte Jury für den Entwurf von Bruno Fioretti Marquez Architekten entschied, war zweifellos im Sinne des rekonstruktionskritschen Stiftungs-Direktors Oswald. Nicht nur, dass die Italienerin Fioretti, der Italiener Bruno und der Argentinier Marquez bekannt sind für eine konzeptionell raffinierte und ästhetische ausgereifte Architektur. ihr Konzept von „Präzision und Unschärfe“, hinter dem sich die Idee einer abstrahierten, modellhaften Rekonstruktion verbirgt, ist durchaus dazu angetan, auch Rekonstruktionsskeptiker zu überzeugen. Das „modellhafte“ ist dabei wörtlich zu nehmen: Die Neubauten aus blassgrauem Beton erinnern an Gipsmodelle, wie sie angehende Architekten im Studium anfertigen. Alles, was über die Kubatur den ursprünglichen Bauten hinaus geht, so der Kunstgriff der Architekten, wurde radikal abstrahiert, also vereinfacht oder weggelassen.

Was man jetzt in Dessau erlebt, ist gewissermaßen schemenhafte Architektur; ganz reale Baukörper, die dennoch wie eine dreidimensionale Skizze wirken. Die Architekten verstehen diese Herangehensweise als „Anregung, das Bild des Hauses in Gedanken selbst zu ergänzen. Ein doppeltes Signal also an den Besucher: Das originale Haus gibt es nicht mehr, aber wir helfen Dir, es Dir vorzustellen. Als Baumaterial verwendeten die Architekten einen speziellen Dämmbeton. Der monolithisch wirkende Baukörper wird nur unterbrochen durch die plan in die Fassadenebene eingelassenen, geheimnisvoll gräulich schimmernden Fenster aus so genanntem Senkglas. Hergestellt wurden die von außen stumpf wirkenden Scheiben von einer auf Kirchenfenster spezialisierten Firma.

Freier als mit der Hülle gingen die Architekten mit den Innenräumen um: Das neue Haus Gropius dient als Entree zur Meisterhaussiedlung mit einer Ausstellung zu deren Geschichte, Haus Moholy-Nagy wird fortan als Veranstaltungsraum und Bibliothek von dem im benachbarten Haus Feininger ansässige Kurt-Weill-Zentrum genutzt. Mit Blick auf diese neuen Aufgaben verzichteten die Architekten auf alle Wände und Decken, die die Flexibilität der Nutzung beinträchtigen könnten. Jedoch erinnern als “Artefakte“ bezeichnete hölzerne, verputze Einbauten an die Raumstruktur der Vorgängerbauten. Sie wurden von dem Künstler Olaf Nicolai gestaltet, erhielten unterschiedlich farbige Oberflächen, die auch das Licht unterschiedlich reflektieren. Die neuen Meisterhäuser sind eine konzeptionell anspruchsvolle Antwort auf den Wunsch, das Ensemble zu reparieren, ohne dabei Verlorenes zu imitieren. Die neuen Häuser wirken merkwürdig maskenhaft und surreal. Zu fragen bleibt, ob es eine gute Idee war, die Bauhaus-Architektur, die in ihrer Ästhetik ja stark von der Abstraktion und Reduktion architektonischer Elemente lebt, noch weiter zu abstrahieren. Der Anblick der kahlen Kuben ist jedenfalls gewöhnungsbedürftig; hoffen wir, dass sie gut altern. Anlässlich der Übergabe der fertigen Meisterhäuser zeigt die Stiftung im Bauhausgebäude die Ausstellung "Dessau 1945 - Moderne zerstört", die Kriegszerstörungen an Bauhaus-Bauten zum Thema hat.

www.bauhaus-dessau.de
www.meisterhaeuser.de
Meisterhäuser in Dessau Ebertallee 59–71 06846 Dessau-Roßlau  Öffnungszeiten: täglich... mehr
Meisterhäuser in Dessau
Ebertallee 59–71
06846 Dessau-Roßlau 
Öffnungszeiten: täglich 10-17 Uhr