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Alles nur Fassade?

Nachträgliche Wärmedämmung in der Diskussion

Der Klimawandel ist ein viel diskutiertes und viel bemühtes Szenario, wenn es um die Zukunft... mehr

Der Klimawandel ist ein viel diskutiertes und viel bemühtes Szenario, wenn es um die Zukunft unseres Lebensraumes geht. Unbestritten spielt die Einsparung von Energie eine große Rolle, sei es zur Schonung der Ressourcen, zum Schutz des Klimas durch Verminderung des CO2-Ausstoßes oder aus wirtschaftlichen Gründen angesichts steigender Energiepreise. In unseren Breiten wird etwa 40 % der Energie in Gebäuden verbraucht. Der Anteil ist somit höher als der für Verkehr oder Industrie. Neu entstehende Gebäude werden diesen Anteil deutlich reduzieren, da sie bereits nach aktuellen Erkenntnissen geplant und gebaut werden, als Passivhaus oder sogar Plus-Energie-Haus entstehen, die mehr Energie produzieren als verbrauchen. Doch wie sieht es mit den Bestandsgebäuden aus, insbesondere den in großer Anzahl existierenden Wohnimmobilien? Gerade bei diesen wenig energieeffizienten Bestandsgebäuden ist das Einsparpotenzial enorm.

Die schon seit 1957 bekannten Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) erleben vor diesem Hintergrund einen zweiten Frühling. Versprechen Hersteller doch eine sagenhafte Energieeinsparung von 70 bis 90%, weil mit WDVS die Wärme innen und die Kälte außen bleibt. Zudem ist die nachträgliche Aufbringung auf Bestandsfassaden mit öffentlichen Mitteln gefördert. So wurden bereits über 600 Mio. Quadratmeter WDVS verbaut.

Die Montage ist oft ohne Bauantrag möglich und wird insbesondere von privaten Eigentümern meist ohne planerische und fachliche Begleitung und nicht selten in Eigenleistung aufgebracht. Genau dort liegt das Problem, denn insbesondere unter Architekten und Ingenieuren wird der Einsatz von WDVS sehr kontrovers diskutiert. Schon wenige Jahre nach der Montage zeigen sich vielerorts gravierende Bauschäden durch Schimmel- und Algenbildung, die zu erheblichen gesundheitlichen Schäden der Bewohner führen können. Durch die immense Dämmwirkung verschiebt sich der sogenannte Taupunkt in der Wand. Die Wandaußenseite wird erheblich kälter, sorgt für Kondenswasserbildung an der Putzschicht und somit einen hervorragenden Nährboden für Schimmel & Co., der nicht selten durch die Dämmung und die Wand wandert und dann auch innen auftritt. Hersteller reagieren mit der Verwendung von Fungiziden bei Putz-und Farbauftrag. Doch diese werden durch Bewitterung ausgewaschen und verunreinigen das Grundwasser. Zudem können stark gedämmte Wände auch kaum noch Sonnenwärme speichern, Wände büßen so ihre wichtige Pufferfunktion ein. Von den Bauschäden sind vor allem die Nord- und die Wetterseite betroffen. Diese nachteiligen Effekte wurden bei herkömmlichem ein- oder zweischaligen Mauer­werk mit konventioneller Dämmung bisher so nicht festgestellt.

Daneben gilt auch dem Brandschutz eine hohe Beachtung. Viele Kunststoff enthaltende WDVS haben einen hohen Brennwert und entwickeln beim Verbrennen giftige Gase. Bei der Montage von Dämmung ist auch auf konstruktiven Brandschutz zu achten, insbesondere in Fensterlaibungen, wo es zum Brandüberschlag in darüberliegende Geschosse kommen kann.

Nicht zu vergessen ist der nach etwa 20 bis 30 Jahren anstehende Austausch der WDVS. Die Entsorgung bzw. Wiederverwertung von Verbundwerkstoffen ist durch die Trennung der miteinander verklebten Bestandteile recht aufwändig. Bei der Investitionsentscheidung sollten daher die Demontage- und Entsorgungskosten ausreichend berücksichtigt werden.

Ungeachtet dieser technischen Aspekte ist auf die fragwürdige Ästhetik von WDVS-Systemen hinzuweisen. Bis zu 30 cm zusätzlicher Aufbau auf Fassaden überdeckt jegliche optisch wirksame Differenzierung und Materialität. Häuser mit WDVS wirken oft gesichtslos, klobig und aufgeblasen, werden verputzt und lieblos mit großflächiger Farbgebung anonymisiert.

Energiesparen ist also nicht so einfach, wie es oft suggeriert wird. Private Eigentümer sollten sich vor einer Entscheidung mit einem unabhängigen Fachmann beraten lassen, damit eine Abwägung von Chancen und Risiken erfolgen kann.

Zu empfehlen ist auch die Lektüre des Buches „Wärmedämmverbundsystem … und das verlorene Ansehen der Architektur“ von Kerstin Molter und Mark Linnemann, von denen auch die Fotos stammen.

Fotos Molter Linnemann Architekten www.molter-linnemann.de mehr

Fotos

Molter Linnemann Architekten
www.molter-linnemann.de